Der „Hansa“ wurde verkauft. Als die Leute, die ihn gekauft hatten, damit wegfahren wollten und starteten, fiel der Auspuff herunter. Mama hob ihn schnell auf und versteckte ihn hinter ihrem Rücken, und das Auto fuhr laut röhrend die Straße entlang. Wir bekamen nun einen silbernen VW Käfer. Im Sommer machten wir Urlaub in Dänemark. Alle Welt fuhr damals nach Italien, keiner nach Dänemark. Wir wollten zelten und nahmen Oma und Opa mit. Um zwei Zelte, Campingausrüstung, Betten, vier Erwachsene und zwei Kinder zu befördern, wurde die Rücksitzbank aus dem Käfer ausgebaut. Wir saßen hinten zu viert auf den Zelten und Bettdecken. Der Rest wurde auf dem Dachgepäckträger verstaut. So ging die Fahrt los, ganz früh am Morgen. Opa sang „Hoch auf dem gelben Wagen“. Wir sangen mit. Bei Glückstadt überquerten wir die Elbe mit der Fähre. Die Elbe ist dort breit, die Fahrt über das Wasser dauerte lange und war eine willkommene Abwechslung. Danach quetschten wir uns wieder ins Auto, fuhren bei Tondern über die Grenze und schlugen unsere Zelte an der Ostsee auf. Wo es uns gefiel, blieben wir ein paar Tage und machten uns dann wieder auf den Weg. Wie zelteten auf Privatgrundstücken, auf Wiesen oder auf kleinen Campingplätzen. In der Regel waren wir die einzigen Ausländer. Eines Tages ging Mama in eine Schlachterei und wollte Bratwurst kaufen. Der Schlachter wollte sie zuerst nicht bedienen und fragte dann alle im Laden anwesenden Dänen, ob sie die Bratwurst möchten. Erst als keiner sie wollte, gab er sie meiner Mutter. Wir hörten später, dass sein Sohn im Krieg von den Deutschen getötet worden war.

An einen Ort erinnere ich mich genau. Unsere Zelte standen auf dem weißen Sand am Ostseestrand. Bäume spendeten Schatten. Ein kleines Wäldchen führte hinter uns bergauf zu einer Wiese mit braunweißen Kühen. Das war das erste, was uns in Dänemark aufgefallen war: Die Kühe waren nicht schwarz-weiß, sondern braun-weiß. Der Strand führte lange flach ins Meer. Das Wasser war klar. Wir sahen kleine geringelte Sandhaufen auf dem Grund, spielten mit Quallen, die wir durch unser Sandkastensieb rührten und liefen zu der nahen Mole. Dort kletterten wir auf den Steinen herum und fingen Krebse. Papa kaufte frischen Fisch von den Kuttern. Einmal brachte er grünen Aal mit. Der war so dick wie ein Unterarm, musste in Stücke gehackt werden, damit er in die Bratpfanne passte und fing dort beim Braten an zu hüpfen, so dass Mama und Oma erschrocken zurück zuckten. Rixa und ich wollten nichts davon essen. „Der lebt ja noch“, sagte ich. Wir gingen lieber ins nahe Dorf. Eine seitliche Außentreppe führte in eine Bäckerei. Dort gab es herrlichen Kranzkuchen, aber wir liebten besonders die kleinen weißen und rosafarbenen Baisers. Wir hatten ein paar dänische Wörter gelernt und trauten uns allein in diesen Laden. Schlagsahne kauften wir dort auch häufiger. Meine Mutter hatte in den mageren Kriegsjahren immer von Schlagsahne und Butter aus Dänemark geträumt. Nun waren diese Träume wahr geworden.

 

Papas Käfer wurde auch bald wieder verkauft, denn meine Eltern brauchten die 3000 Mark, die sie dafür bekamen, für die Anzahlung eines Reihenhauses.


Buchliste: Petra Gebhardt