Nun kamen erst mal die großen Sommerferien, die wir wie jedes Jahr in Dänemark verbrachten und zwar mit der Großfamilie. Das waren die Eltern, Großeltern und die Geschwister von Opa, deren Kinder und Enkelkinder. Ungefähr zwanzig Personen trafen sich auf der Landzunge in der Nähe von Hvide Sande. Wir fuhren in der Regel frühmorgens los, wenn es dämmerte. Bei Tonder ging es über die Grenze, und hatten wir Varde erreicht, fühlten wir uns schon wie zu Hause. Wir machten eine kurze Rast und aßen unseren ersten dänischen Hot Dog, der vorzüglich schmeckte. Auf der schmalen Landzunge, rechts der Ringköbing Fjord, links die Nordsee, hatten wir einen Bauern gefunden, der uns ein Tal in seinen Dünen vermietete. Ringsum wucherten die Moosbeeren und sonst war da nichts, wie eine Mondlandschaft, oder so, wie ich mir eine vorstellte. Der dänische Bauer hatte uns eine Wasserpumpe geschlagen. In der Mitte wurde eine Feuerstelle angelegt und darum herum schlugen alle Familien ihre Zelte auf. In einer benachbarten Sandkuhle bauten die Männer ein Plumpsklo. Das Holz dafür sammelten wir an der Nordsee, wo reichlich Strandgut angeschwemmt wurde. Da niemand gern umsonst eine Düne ersteigen wollte, um auf die Toilette zu gehen, wurde ein Fahnenmast errichtet. Sah man von weitem die gehisste Flagge, konnte man sich den Weg sparen, denn das Klo war besetzt. Wurden noch weitere Familienmitglieder aus Hamburg erwartet, setzte sich einer von uns auf die höchste Düne mit einem Fernglas und beobachtete den langen Sandweg, der von der fernen Straße zu uns führte. Hatte man die Erwarteten erspäht, lief man winkend und laut schreiend: „Sie kommen, sie kommen!“ den Hügel hinab in unser kleines Zeltdorf. Dort wurden die Ankömmlinge dann gebührend begrüßt. Abends saßen wir um das Lagerfeuer. Vorher spielten die Cousins von Mama mit uns Fußball oder wir fochten Reiterkämpfe auf ihren Schultern aus. Dann wurden Lieder gesungen und etwas später der Rum hervorgeholt, den Papa in Wasserkanistern über die Grenze schmuggelte. Das mit dem Rum, gefiel mir nicht, aber ich hatte nicht so große Angst, dass etwas Böses passieren könne, da die ganze Familie da war und aufpasste.

Wir machten Wanderungen zur anderen Seite der Landzunge. Dort kauften wir von einer Räucherei Fisch, der noch warm vom Rauch war, oder wir gingen zum Hafen von Hvide Sande, um von den Fischkuttern frischen Fisch zu holen. Diesen versuchten unsere Männer in einer Tonne eigenständig zu räuchern. Als sich nicht genug Qualm entwickelte, riefen sie zu Papa: „Gustav, schmeiß mal dein Hemd rüber!“ Und schon lag die weiße gerippte Ware über der Tonne und färbte sich gelb, braun und schwarz. Die Räucherei gelang; aber nun musste eine neue Beschäftigung her. Wir hatten viel Zeit dort, die unsere Phantasie anregte. Sie wurde ausgefüllt mit stundenlangen Wanderungen am menschenleeren breiten Sandstrand. Dort suchten wir nach Bernstein und fanden häufig kleine und auch größere Stücke. Mit schönen Muscheln beklebten wir Kästchen. Aus Stearin und Wachs, welches angespült worden war, gossen wir mit Opa Kerzen an Regentagen. Dazu mussten leere Dosen und Plastikgefäße gesammelt werden, und Oma wurde angehalten, ihre Topflappen aufzurippeln, damit wir Dochte hatten. In den Dosen schmolzen wir das Wachs und gossen es in die Plastikgefäße, in denen mittels Nägeln der Docht gespannt war. Wir stellten so viele Kerzen her, dass wir sie noch Weihnachten anzünden konnten.

Einmal entdeckten wir Raketen am Strand. Abends als es dunkel war, wollten wir uns an dem Feuerwerk erfreuen. Wir sahen rote und grüne Leuchtkugeln am Himmel. Kurze Zeit später streiften Menschen durch die einsamen Dünen. Wir hörten sie auf dänisch rufen und verkrochen uns schnell in unsere Zelte und löschten das Licht. Ein Rettungstrupp war auf der Pirsch, denn wir hatten Leuchtsignale für Schiffe in Seenot abgeschossen.

Ein anderes Mal herrschte große Aufregung, weil ein Delphin am Strand lag. Unsere Männer mobilisierten alle Kräfte, schoben das Tier wieder ins Wasser und begleiteten es ein Stück ins Meer hinaus. Wir freuten uns über seine Rettung, doch am nächsten Tag lag der Fisch wieder am Strand und die Möwen hatten ihm schon die Augen ausgehackt.

Ins Meer gingen wir bei jedem Wetter. Das war Ehrensache. Bei Sturm waren die Wellen schön hoch und gegen die Brandung zu kämpfen machte besonderen Spaß, aber das An-und Ausziehen gestaltete sich schwierig. Die Handtücher flatterten im Wind wie Flaggen an einem Mast. Sie weigerten sich, den Körper abzutrocknen, an dem überall Sand klebte. Das Salz aus der Nordsee trocknete auf der Haut und begann zu jucken. Die Unterhosen wollten partout nicht an den feuchten Beinen hoch rutschen. Wir halfen uns gegenseitig und waren endlich wieder angezogen, erfrischt und belebt durch Wasser und Wind. An manchen Tagen war das Baden gefährlich. Mama war ein Stück rausgeschwommen. Nach einiger Zeit begann sie plötzlich wild zu gestikulieren und zu rufen. Erst schauten wir verwundert zu ihr herüber, bis ihr Cousin, der ein kräftiger Mann war, begriff, dass sie in Not war. Sie war schon ein weites Stück abgetrieben worden, bis er sie, kräftig gegen die Strömung schwimmend, erreichte und völlig erschöpft an Land brachte. Es gab dort gefährliche Unterströmungen, die Schwimmer auf das offene Meer treiben konnten. Bei schäumenden Wellen klatschte mir schon mal ein Stück Treibholz an den Rücken. Auch ein dicker Balken sauste einmal gefährlich nahe an meinem Kopf vorbei.

 

Nacktbaden bei Nacht war auch sehr beliebt, allerdings nicht bei Rixa und mir; wir waren Backfische und genierten uns. Bei solch einer Gelegenheit rief Onkel Arthur: „Mensch, Gustav, dein Schwanz glüht ja!“ Im Meer schwamm phosphoreszierendes Plankton, was sich auf die Haut legte und leuchtete. Papa freute sich, zog den Bauch ein, trommelte sich mit beiden Fäusten auf seine muskulöse Brust, sprang gleich noch einmal hinein und tauchte unter die Wellen.


Buchliste: Petra Gebhardt