Die Ferien waren zu Ende, und es begann von neuem die Qual der Schule. Eine Qual war es nur in Bezug auf das Lernen und die Lehrer. Eine Freude und für unsere Entwicklung unersetzlich war die Schule als Kommunikationszentrum für Gleichaltrige. Über das Lernen schrieb ich als Fünfzehnjährige in mein Tagebuch:

 

Mein Gehirn hat sich um fünf Zentimeter geweitet. Ich habe einen dicken Kopf gekriegt und oben steigt Dampf in Kringeln an unsere Himmeldecke. Dampf entsteht beim Kochen, also meine Gehirnwindungen sind stark erhitzt durch Überlastung. Meine Augen reagieren nur noch auf Schlaufen, die meine Schrift sein sollen, auf Wurzelzeichen, sowie alle möglichen Zahlen mit Kommata. Würde mir jetzt ein Ziegelstein auf den Kopf fallen, so würden aus meinem Gehirn nur noch englische und französische Vokabeln purzeln und mit riesengroßen Schritten davon laufen, weil sie so sehr in mein armes Schädelchen hinein gepresst worden sind, dass sie bestimmt keine Lust mehr verspüren werden, dort wieder hinein zu kommen.

 

Die Lehrerschaft unserer Schule war eine Ansammlung neurotischer Menschen. Wird man so, wenn man in jahrelanger Mühsal Kinder und Jugendliche unterrichtet? Oder sammeln sich im Lehrerstudium all diejenigen, denen nichts anderes übrig bleibt, als ihre Interessen, ihre Vorlieben Kindern beizubringen, die wiederum nichts lieber täten als sich mit anderen Dingen zu beschäftigen? Muss man dabei neurotisch werden? Papa sagte immer, Lehrer würden nie erwachsen werden, denn sie verließen in ihrem ganzen Leben nicht die Schulbank und wüssten nicht, wie es im Arbeitsleben zugeht. Verfolgte man einen normalen Schultag in meiner Klasse, so ergab sich folgendes Bild:

Morgens um sieben Uhr begann der Unterricht mit einer Frühstunde Deutsch bei Herrn Timmann. Er wurde bei uns nur „Sandmännchen“ genannt, weil sein Unterricht extrem langweilig war. Wir mussten ständig gegen drohendes Einschlafen ankämpfen. Nachdem wir bei ihm ein Jahr lang das mittelalterliche „Hildebrandslied“ durchgenommen hatten und uns langsam Strophe für Strophe weiter vorarbeiteten, bekam mein Vater zu Hause einen Wutanfall, bei dem bestimmte Muskeln im Wangen – Kieferbereich anfingen zu zucken, und brüllte: „ Als wenn es nichts wichtigeres und anderes zu lesen gibt! So ein Idiot!“ Die nächste Stunde hatten wir Französisch bei Herrn Beißner, der Fräulein Schwertfeger ablöste. Er war ein besonders fieser Zeitgenosse. Mit beißendem Spott und Hohn - auch seinem Namen wurde er nur zu gerecht - versuchte er die Schüler mit seinen Gemeinheiten fertig zu machen. Zu mir sagte er, was ich denn hier auf der Schule wolle, ich solle mir doch lieber einen Mann suchen und heiraten, hübsch wäre ich ja immerhin. Zum Unterricht mussten wir eine Kerze mitbringen. Vor der Flamme sollten wir das stimmlose „H“, wie in homme oder héroique üben, ohne dass sie flackerte. Er ging durch die Reihen und kontrollierte wie wir hauchten beziehungsweise nicht hauchten. Jahrzehnte später, als wir ein Schulfest mit Ehemaligen besuchten, sagte Rixa zu Herrn Beißner: „Meine Schwester hat übrigens Medizin studiert und hat sechs Kinder.“ Er darauf: „Warum das denn?“

Nun kam eine Stunde Mathematik bei Herrn Vagt, genannt Bulli-Vagt. Er war für mich eine Heimsuchung. Kaum hatte er den Raum betreten und Guten Morgen gesagt, nahm er in eine Hand ein Stück Kreide, in die andere einen Schwamm, und begann an der Tafel mathematische Formeln abzuleiten, indem er ununterbrochen zur Tafel redete, mit der einen Hand schrieb und mit der anderen das eben Entwickelte wieder abwischte, ohne dass ich im Abschreiben mitkam, geschweige denn etwas verstand. Stellte man Fragen, galt man als dumm; im besten Fall wiederholte er noch einmal das eben Gesagte, mit dem Erfolg, dass man es jetzt auch nicht besser kapierte. Als er eines Tages hereinstürzte mit einem Packen Zettel in der Hand und ‚Klassentest’ rief, sah ich kurz auf die mathematischen Aufgaben, begriff, dass ich nichts begriffen hatte, schrieb meinen Namen darauf und gab die Arbeit ab, ohne mir die geringste Mühe zu machen, eine Aufgabe zu lösen oder abzuschreiben. Ich fand das einfach ehrlicher und fühlte mich großartig, obwohl ich eine sechs bekam. Papa war sowieso der Meinung, dass man Mathematik nicht können müsse, weil er es selber nicht konnte.

In der nächsten Stunde war Kunst dran. Das war für mich eine Freude und Erholung. Wir malten ein Fantasiebild mit Tusche. Auf mein Bild pinselte ich einen Baum, bunte Vögel und Fische. Es wurde lobend in die Höhe gehalten. Endlich mal eine positive Rückmeldung!

Danach kam Dr. Rastede, den wir „Kurdel“ nannten, und unterrichte uns in Geschichte. In weißem Hemd, Schlips, Anzug und Glatze stand er vor uns und fragte Jahreszahlen und Schlachten ab. Mit ihm hatten wir leichtes Spiel, denn wir brauchten ihm nur eine Frage zum zweiten Weltkrieg zu stellen, und schon kam er ins Erzählen und hörte gar nicht mehr auf, bis die Stunde herum war. So verquatschte er viele Geschichtsstunden mit seinen persönlichen Erlebnissen. Ich mochte dieses Fach, besonders da Papa zu Hause den trockenen Unterrichtsstoff mit interessanten Details garnierte: Wo und wie gingen die Menschen im Mittelalter aufs Klo, die auf einer Burg lebten? Wie kamen die Ritter in ihre Rüstung?

Lady Schulz-Degenhard, abgekürzt „LSD“, wollte uns Englisch beibringen. Sie hatte heute offenbar schlechte Laune, begann lustlos Vokabeln zu erklären, sah wiederholt eine Mitschülerin in der ersten Reihe an, stand plötzlich auf, trat vor die Schülerin, trampelte wie eine Furie auf den Füßen derselben herum und brüllte: „Warum starrst du mich so an?“ Da die Lehrerin einen irren Ausdruck in den Augen hatte, zog unsere Klassenkameradin ihre Füße erschrocken unter den Stuhl zurück und sagte: „Ich sehe sie an, weil ich ihrem Unterricht aufmerksam folgen möchte.“ Dies versetzte die Lehrkraft in einen erneuten Wutanfall. Sie zischte: „Du wagst es auch noch, mir zu widersprechen und gibst freche Antworten?“ Die Angegriffene war den Tränen nahe, während die übrigen Schüler froh waren, noch mal davon gekommen zu sein, denn „LSD“ besann sich und setzte den Unterricht mit einer leisen, liebsäuselnden Stimme fort.

 

Doch das war noch nicht alles. Die letzte Stunde war die Schlimmste. Wir gingen in den Physikraum, der wie ein Hörsaal mit ansteigenden Bankreihen konstruiert war. Ganz vorne, neben dem Tresen mit den physikalischen Instrumenten stand unser Lehrer, mehr quadratisch als länglich, klein mit einem imensen Bauch, auf dem der Schlips waagerecht lag. Sein Kopf, rund wie eine Kugel mit blanker Glatze, ruhte ohne Hals auf dem Brustkorb. Wir nannten ihn den „Medizinballschlucker“. Er pickte sich wahllos irgendeinen Schüler aus der Klasse und machte ihn fertig, indem er Verbalinjurien herausbrüllte und sich dabei so in Rage steigerte, dass sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten und in seinen Mundwinkeln grüner Schaum entstand. Seine fetten kleinen Hände fuchtelten durch die Luft, eine fuhr in die Hosentasche, förderte ein geknülltes Taschentuch zu Tage, womit er sich schnäuzte und dann mit derselben Taschentuchstelle seine Mundwinkel und Glatze abwischte. Ich schüttelte mich vor Ekel und machte mich gleichzeitig ganz klein hinter meinem Vordermann, damit ich von dem Geistesgestörten da vorne nicht gesehen wurde. Als wir zu Hause von diesem Lehrer erzählten, bekam Papa erneut einen Wutanfall mit gefährlich zuckenden Gesichtsmuskeln. Er beschwerte sich in der Schule beim Direktor, der leider an der Situation auch nichts ändern konnte, da dieser Lehrer schon von etlichen Schulen gewiesen worden war. Er wisse um die Missstände, viele Eltern hätten sich schon beschwert, aber in nicht mehr ferner Zeit würde der Lehrer ja pensioniert werden. Solange müssten wir ihn noch ertragen.


Buchliste: Petra Gebhardt