Eines Tages kam mein Vater mit einem Auto vorgefahren. Das war eine große Aufregung in der Seewenjestraße. Wir machten Ausflüge nach Vegesack mit unserem „Hansa“, der von Borgward in Bremen gebaut wurde. In den engen abschüssigen Straßen soff der Wagen ab. Mama musste aussteigen, einen Lappen an den Vergaser halten, und Papa versuchte, erneut zu starten. Das Auto fuhr an, Papa gab Gas, Mama rannte hinter uns her. Endlich hielt Papa bei laufendem Motor an. „Beeil’ dich, sonst ist er wieder weg!“ rief er. Ganz aus der Puste sprang Mama hinein. Papa fuhr an. Völlig verschreckt hörten wir ein großes Geschepper. Die Tür, die sich nach vorne zur Fahrtrichtung öffnete, war nicht richtig geschlossen gewesen und beim Anfahren gegen die Bordsteinkante geschlagen. Sie hing nur noch locker in einer Türangel. Die Scheibe war zerbrochen. Andere Oma hatte in die Hose gepinkelt. Papa schrie und schimpfte laut durch die Gegend und gab Mama die Schuld. Sie hätte besser aufpassen sollen. Mama bekam immer die Schuld. Die Tür wurde notdürftig mit Bindfaden festgebunden. Der Kopf von andere Oma ragte durch dieses Schnürengewirr. Wir fuhren in gedrückter Stimmung nach Hause.

 

Einmal machten wir mit unserem „Hansa“ Urlaub im Teutoburger Wald. Die Fahrt von Bremen gestaltete sich erst problemlos bis wir in die Nähe des SPD Wohnheimes kamen. Nach einer Kurve begann Papa einen etwas steileren Berg hinauf zu fahren. Das Auto wurde bedenklich langsam, kam zum Stehen und rollte dann rückwärts bergab. Mein Vater konnte nichts dagegen tun. Rixa und ich waren starr vor Angst und begannen zu weinen, während meine Eltern sich stritten. Papa versuchte es ein zweites Mal – ohne Erfolg. Wir rollten wieder bergab. Nun stiegen wir aus und gingen zu Fuß hinauf, während Mama und zwei hilfsbereite Menschen den „Hansa“ nach oben schoben. Unsere Ferienunterkunft war erreicht. Das Gebäue war neu erbaut und modern eingerichtet im Stil der 50iger Jahre: eine offene Steintreppe mit Metallgeländer in der Halle, Nierentische, Schalensessel und Tulpenlampen. Die Eltern trafen dort viele Genossen und Freunde, diskutierten und gingen auf Versammlungen. Wir Kinder fühlten uns von allen geliebt und umsorgt. Es wurden lange Wanderungen zum Hermannsdenkmal gemacht. Auf dem Rückweg stellte sich Rixa auf jeden größeren Stein, reckte ihren Arm mit einem Stock in die Höhe und rief: „Ich bin Hermann!“ Papa hatte die Angewohnheit uns bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit zu unterrichten. Im Teutoburger Wald wurden wir über die Römer und die Varusschlacht belehrt. Er referierte über Geschichte und Erdkunde und verbesserte jedes Wort und jeden Satz, den wir falsch sprachen. Wir mussten ihn zweimal richtig wiederholen. Das war ein sehr schöner, aber auch sein einziger Beitrag zu unserer Erziehung. Wir hielten uns mehr an unsere Mutter. Mama war unsere Liebste und Beste. Sie schmuste mit uns, nahm uns in die Arme, tröstete uns, gab uns Essen und Kleider, pflegte uns, wenn wir krank waren, sprach mit unseren Lehrern, schimpfte uns aus, lobte uns, gab uns Ratschläge, machte Vorschriften, gab uns einen Klaps, spielte mit uns. Sie hatte das Sagen und die Autorität. Papa neigte zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Vor ihm hatten wir ein wenig Angst. Er war uns fremd.


Buchliste: Petra Gebhardt