Weihnachten fuhren wir weiterhin in die Seewenjestraße zu Oma und Opa. Dort trafen wir auch

Mamas Schwester Irmgard, ihren Mann Onkel Oddi und unsere Cousine Lydia. Sie wohnten in der Nähe der Großeltern in einem typischen Bremer Haus – schmal, zweistöckig, in Reihe gebaut, mit Vorgarten und Zaun. Bei ihnen musste immer alles ganz ordentlich und sauber sein. Wehe, das Sofakissen hatte nicht den richtigen Knick! Lydia durfte auch keine Spielkameraden mit nach Hause bringen und war die meiste Zeit bei ihrer Oma, der Mutter ihres Vaters.

Heiligabend gab es Kartoffelsalat und Würstchen. Das war Tradition. Als wir noch jünger waren, kam der Weihnachtsmann. Das große Gebimmel einer Glocke kündigte das Spektakel an. Wir waren ein bisschen ängstlich, aber die Spannung und freudige Erwartung war größer. „Wart ihr auch immer brav und folgsam?“ fragte er. Da wir nicht recht antworteten, sprangen die Erwachsenen für uns in die Bresche und sagten: „Ja, Weihnachtsmann, Rixa und Peti waren artig. Du kannst deine Rute stecken lassen.“ Hatten wir unser Gedicht aufgesagt, griff der Weihnachtsmann in seinen Sack und gab uns einige Päckchen. Die Geschenke wurden bestaunt und bewundert. Sie waren etwas Besonders, denn zu anderen Zeiten im Jahr gab es kein Spielzeug. Beim Schlafen nahmen wir sie mit ins Bett, sahen morgens gleich nach, ob sie noch da waren und spielten mit ihnen. In einem Jahr aber rief Rixa, als der Weihnachtsmann uns ansprach: „Das ist ja Tante Mieke!“ Sie hatte unsere Nachbarin an der piepsigen Stimme und dem außerordentlich kleinen Wuchs erkannt. Ich konnte es erst nicht glauben, aber meine Schwester überzeugte mich vom Weihnachtsmannschwindel und der Zauber war vorbei.

 

Später am Abend, als alle etwas getrunken hatten und lustig waren, nahm Opa mich auf den Schoß, ergriff einen Fingerhut von Oma, füllte ihn mit einer dunkelroten Flüssigkeit und flüsterte: „Dies ist Hexenblut. Das habe ich vom Bocksberg für euch mitgebracht. Wenn ihr das trinkt, werdet ihr auch Hexen und könnt um 12 Uhr heut’ Nacht auf einem Besenstiel durch den Schornstein und über die Dächer fliegen. Ihr dürft aber zu niemandem ein Wort sagen, sonst wirkt der Zauber nicht. Probiert mal! Schmeckt gut!“ Er schwenkte eine kleine Stoffhexe auf einem Besen vor unserer Nase hin und her, die er aus dem Harz mitgebracht hatte. Wir sträubten uns und sagten: „Opa, du willst uns wohl vergackeiern!“ Doch er versicherte, er hätte die reine Wahrheit gesagt, und wir bräuchten es ja nur auszuprobieren. Dann sähen wir schon, was passierte. Das trauten wir uns aber nicht. Wir verzogen uns unter den Tisch, überlegten hin und her, beratschlagten, was wir tun sollten, denn einerseits reizte es uns sehr, Hexen zu sein und durch die Luft zu fliegen, aber andererseits hatten wir Angst. „Opa, was ist, wenn wir keine Hexen mehr sein wollen? Wachen wir morgens auch wieder in unserem Bett auf? Wann lässt die Wirkung des Hexenblutes nach? Kann man von dem Besen fallen?“ Opa ließ uns im Unklaren, tat geheimnisvoll oder gab sich unwissend. Es ging auf Null Uhr zu. Wir wurden immer unruhiger. Was sollten wir tun? Wenn wir nur Mama fragen könnten! Plötzlich begann die große schwarze Standuhr zwölfmal zu schlagen - es war vorbei -. Wir waren erleichtert und enttäuscht zugleich. „Opa, können wir es morgen noch mal versuchen?“ „Nein, nun habt ihr eure Chance verpasst.“ Noch lange träumten wir vom Hexendasein und stellten uns vor, wie es wäre, nachts in fremden Häusern herumzustöbern, wie es wäre durch die Luft und Wolken zu sausen.


Buchliste: Petra Gebhardt