Die zweite Überraschung an diesem Abend erwartete uns, als wir wieder zu Hause waren. Mama und Papa verkündeten uns die große Neuigkeit: „Ihr bekommt noch einen Bruder oder eine Schwester!“ Erst waren wir starr vor Entsetzen. Dann schrieen wir unsere Mutter an: „Du hast uns das ganze Weihnachten verdorben. Wir wollen kein Baby haben!“ Erbost und weinend stürmten wir in unser Zimmer. Mit niemandem wollten wir Mama teilen. Keiner sollte in unseren Dreierbund eindringen. Auch die nächsten Tage herrschte bei uns schlechte Stimmung. Wir sagten Mama, wir würden das Baby aus dem Fenster schmeißen, wenn es käme. Sie konnte uns nicht von den Vorzügen des Familienzuwachses überzeugen. Noch unversöhnlicher wurden wir, als sie uns sagte, dass wir nun den kleinen Hund nicht mehr bekommen könnten. Sie war nämlich eines Tages mit uns zu einem Kollegen gefahren, und dort hatten wir uns einen Dackelwelpen aussuchen dürfen, nachdem wir sie immer wieder bedrängt hatten, wie gerne wir einen Hund hätten oder am liebsten noch ein Pferd. Natürlich kam ein Pferd überhaupt nicht in Betracht. Pferde konnten wir schließlich betrachten, wenn wir im ersten Stock aus dem Fenster sahen. Hinter unserem Garten befand sich die Rennbahn von Bremen, und wir hatten den Tribünenplatz beim Galopp- oder Trabrennen gratis. Zu einem kleinen Hund aber konnten wir sie schließlich überreden. Wir freuten uns sehr auf den Langhaardackel und konnten es gar nicht abwarten, bis er endlich zu uns käme. Von unserem Geld hatten wir ein Halsband und eine Leine gekauft, nachdem wir lange gespart hatten. Mit unserem Wechsel auf ein Gymnasium bekamen wir von den Großeltern fünf Mark Taschengeld im Monat. Ein Körbchen für das Hundebaby stand neben unseren Betten. Dies alles war jetzt umsonst. Unser Hund war gestrichen wegen eines Babys, das wir nicht wollten! Mama wollte es eigentlich auch nicht. Aber das erfuhren wir erst später. Sie war nach Hamburg gefahren zur Abtreibung, aber ihr Arzt weigerte sich diesmal, weil sie es schon so oft hatte machen lassen. Unverrichteter Dinge musste sie wieder nach Hause fahren. Onkel Harro fuhr sie auf seinem Motorrad über die Autobahn. Fast wären sie im Wasser stecken geblieben, denn die Fahrbahnen waren schon überschwemmt durch die große Flutkatastrophe in Hamburg. Meine Mutter muss über dieses „Frohe Ereignis“ auch nicht gerade erfreut gewesen sein, denn sie war schon fast vierzig und mit unserem Vater nicht glücklich. Immer wenn er Alkohol trank, wurde er unausstehlich. Ab einem gewissen Alkoholpegel reagierte er äußerst aggressiv auf alles, was andere sagten. Meistens ging es um politische Themen. Rixa und ich wachten mitten in der Nacht auf, weil er lauthals im Untergeschoss brüllte. Mein Herz fing an, schnell und stark zu klopfen. Ich kroch zu Rixa ins Bett. Endlich hielten wir es nicht mehr aus und schlichen auf die Treppe. Auf der obersten Stufe saßen wir in unseren Nachthemden eng umschlungen, zitterten und versuchten zu sehen und zu verstehen, was da unten vor sich ging. Die Haustür stand weit offen, viele Leute waren da, Papa prügelte sich mit einem Mann im Vorgarten und stieß ab und zu kehlige Schmerzlaute aus. Mama lief mit einem blutigen Schwamm hin und her, und jemand schrie: „Polizei!“ Uns lief eine Gänsehaut über den Rücken, wir zitterten unaufhörlich und weinten laut. Da bemerkte uns Mama, nahm uns in ihre Arme, brachte uns zurück ins Bett; doch schlafen konnten wir noch lange nicht.

 

In einer anderen Nacht hörten wir, wie sich unsere Eltern stritten. Wir gingen zur Schlafzimmertür, die abgeschlossen war und riefen: „Mama, sei doch ruhig!“ Sie sollte Papa nicht noch weiter durch Argumente und Entgegnungen reizen, doch unser Beschwichtigungsversuch, Papa nicht noch wütender zu machen, scheiterte. Sie sagte: „Siehst du, jetzt hast du die Kinder aufgeweckt. Du bist doch nicht normal, du Idiot.“ Ein Krachen – Mama schrie auf und weinte. Wir wollten rein ins Zimmer, um ihr zu helfen und rüttelten an der Tür, aber sie war immer noch verschlossen. Verzweifelt trommelten wir mit den Fäusten gegen das Holz. Schlug er sie jetzt tot? „Macht auf!“ Wir setzten uns auf den Fußboden und mussten unsere Angst und Ungewissheit aushalten. Endlich drehte sich der Schlüssel im Schloss. Mama kam heraus und ging ins Bad. Ihr Haar war voller Blut. Am nächsten Tag ließ sie die Kopfplatzwunde beim Hausarzt nähen. Papa wusste beim Frühstück von nichts mehr. Wir sprachen nicht mehr mit ihm.


Buchliste: Petra Gebhardt