Silvester war unser schrecklichstes Fest. Am Vortag setzte Papa die Bowle an. Die Früchte wurden in Rum eingelegt. Das war sein Lieblingsgetränk, übernommen aus seiner Kriegsmarinezeit. Aus dieser Zeit stammte auch noch eine Trillerpfeife aus Metall, auf der er schrill pfiff, wenn er gute Laune hatte und brüllte. „Banken und Baken! Essen fassen!“ Am frühen Abend schmückten wir das Wohnzimmer mit Papierschlangen und aßen Berliner. Wir tanzten mit Mama herum und wussten doch, was kommen würde. Die Bowle war bald geleert, Mama sagte immer öfter: „Trink nicht so viel“, der Ton wurde gereizter und Papa ging über zu purem Rum. Da wurde ich ins Bett geschickt. Unruhe und Angst beschlich mich. Rixa wurde beauftragt, ihren Vater ins Bett zu bringen. Er redete und redete, sie schenkte ihm Rum ein. Was er ihr an Alkohol ins Glas füllte, schüttete sie heimlich in die Blumentöpfe. Endlich war die Flasche leer, vorher hörte er nicht auf zu trinken. Mitten in der Nacht schüttelte uns Mama wach: „Pst, leise, zieht euch an“. Das Taxi hatte sie schon bestellt. Würde er aufwachen? Leise schlichen wir raus und zogen die Haustür zu. Gerettet - und nun zu Oma und Opa! Dort blieben wir eine Zeit lang und meinetwegen hätte es so bleiben können, doch an einem Nachmittag machten wir drei uns schön und gingen zum Zirkus. Vor dem Eingang stand Papa mit Blumen, Pralinen und Bonbons für uns. Mama war abweisend zu ihm, aber wir fanden Papa sehr nett. Wir saßen ganz vorne in der Loge, denn Papa bekam immer Freikarten, weil er von der Presse war. Den nächsten Tag zogen wir wieder nach Hause. Doch überstürzte Fluchten zu den Großeltern wiederholten sich noch öfter.

 

Beim Essen stritten sich die Eltern besonders häufig. Papa mäkelte über die Speisen. Dies sei nicht scharf genug, das nicht ausreichend gebraten. Mama konterte und schon knallte er den gefüllten Teller an die frisch gestrichene weiße Wand. Rixa und mir blieb der Bissen im Hals stecken. Man kann verstehen, dass wir froh waren, als er einige Zeit im Sauerland arbeitete. Häufiger fragte uns Mama, ob sie sich scheiden lassen solle. Wir waren von der Idee ganz begeistert und bestärkten sie, doch sie konnte sich nicht dazu entschließen. Sie zog uns auf ihre Seite im Kampf mit dem Ehemann, was bei dem Benehmen von Papa nicht weiter schwer war. Wir mussten sie trösten und sie heulte sich bei uns aus im allgegenwärtigen Ehekrieg. Gegen uns Kinder hat er nie die Hand erhoben bis auf einmal, als er uns ohrfeigte. Aber davon später.


Buchliste: Petra Gebhardt