Kurze Zeit später ging ich auf meine erste Fete. Es war das Abschiedsfest der Engländer, die auf unserer Schule im Austausch gewesen waren.

Dort tanzte ich auch das erste Mal. Torsten forderte mich zum Schwofen auf. Eine männliche Hand um meine Taille, ein sanftes, zärtliches Streicheln und ein Kuss unterm Sternenhimmel gefielen mir außerordentlich. Lange Zeit träumte ich von ihm, da er sehr gut aussah, begegnete ihm aber nicht wieder. Dafür mehrten sich meine Verehrer zusehends. Bettina, Christiane, Rixa und ich gingen jetzt in die Tanzstunde einer noblen Schule an der Contrescape. Dort wurden uns erst mal Vorträge über gutes Benehmen gehalten. Das Frauenknie sei grundsächlich hässlich, deshalb sollten wir es mit einem Rock bedecken. Beine schlüge man nicht übereinander, sondern stelle sie sittsam nebeneinander, leicht schräg zum Körper. Junge Herren, die eine Dame aufforderten, weise man nicht zurück. Das hätten wir allerdings häufig gern getan, denn die jungen Herren, die zu diesen Kursen gingen, waren schüchtern, mochten uns kaum anfassen und sagten kein Wort, sodass ich sie immer unterhalten musste. Wir lernten Rumba, Tango, Walzer und warteten nur auf das Ende der Stunde, denn dann durften wir uns nach Satisfaction von den Rolling Stones in unseren Minikleidern austoben. Ich lernte dort den netten Jörg kennen, der zwar ein bisschen klein war, mich aber brav von der Schule abholte und mich auf den Mund küsste, ohne seine Zunge zu benützen. Rixa lernte Uwe kennen: Brav, Brille, braune Locken. Sie wurden für lange Zeit ein Paar, obwohl Rixa fand, Uwe sei nicht intellektuell genug, und sie könne nicht vernünftig mit ihm diskutieren. Eigentlich war sie in einen anderen Jungen verliebt, mit dem es aber nichts rechtes wurde. Zum Abtanzball ging ich in einem grünen Flatterkleid aus Chiffon. Es passierte nichts Aufregendes, außer dass ich im Winter in meinem dünnen Kleidchen um den Dom lief, ein junger Mann namens Harald hinter mir her. Leider gelang es mir nicht, ihn zu irgendeiner verbotenen Tat zu verführen.

Meine Cousine Lydia gab eine Party, auf der ich Reinhold kennen lernte. Er war kein Schüler mehr, sondern arbeitete schon. Ich trug einen langen hautengen Rock und setzte mich damit auf seine Sessellehne. Er tanzte mit mir und bebte am ganzen Körper. Ich schlang meine Arme um seinen Hals. Er drückte mich fest an sich und küsste mich. Den restlichen Abend verbrachte ich auf seinem Schoß, engumschlungen und mit vielen Küssen. Ich war verliebt in ihn.

Am Sonntag ging ich mit Harald aus und erzählte Reinhold, ich müsse Schularbeiten machen.

Am Montag war ich im „Kleinen Olymp“, ein Lokal im Schnoorviertel von Bremen, verabredet. Am Donnerstag ging ich mit Jörg ins „Top Ten“ tanzen, am Sonnabend mit Wolfgang auf eine Party. War ich in Wolfgang verliebt? Mein Organisationstalent war gefordert, alle Rendezvous zu planen und aufzupassen, dass kein Verehrer etwas von den anderen erfuhr. Ständig klingelte zu Hause das Telefon. Rixa musste für mich flunkern und fand mich schrecklich und unmoralisch. Ihr Moralin kümmerte mich nicht. Ich hatte keine Zeit für Schularbeiten und im Unterricht schrieb ich heimlich kleine Zettel an Bettina, die von Hand zu Hand weitergereicht wurden, und in denen ich sie um einen Lippenstift bat. Wir beide waren wegen ausgedehnter Schwätzereien auseinander gesetzt worden. Der Lippenstift erreichte mich, nachdem ihn alle Jungs einmal aufgedreht und begutachtet hatten. Dann bat mich Bettina um einen Apfel, der bei ihr nur noch als Stiel ankam, da alle Schüler inzwischen einmal davon abgebissen hatten. Eine Stunde vor Schulschluss konnten Bettina und ich nicht mehr dem Unterricht folgen, da wir an die unbarmherzige Kälte draußen denken mussten. Auf dem Fahrrad war es so kalt, dass uns die Luft wegblieb. Wir erzählten uns gegenseitig die Symptome unserer Erfrierungen. Es begann mit einem Pieken wie von tausend Stecknadeln in den Fingerspitzen, welches auch zwei Paar Handschuhe übereinander gezogen nicht verhindern konnten. Später wurden die Hände kochendheiß und die Füße gefühllos. Das Gesicht färbte sich besonders an Kinn und Nase leuchtend rot. Bettina und ich begannen zu zittern und sangen zähneklappernd „Skinny Minny“.

 

Reinhold war lieb, gut und ehrlich, aber trotzdem zog es mich mehr zu Wolfgang hin. Er war unzuverlässig und konnte gemein und frech sein. Er beleidigte andere, machte sich über sie lustig und war außerdem noch eingebildet. An manchen Tagen kniete er vor mir und sagte süße Dinge, wobei er seine langen blonden Haarsträhnen schwungvoll nach hinten warf. Ich bekam von ihm Liebesbriefe, die er mit seinem Blut geschrieben hatte. Mama wollte nicht, dass ich mich mit ihm verabredete, aber ich tat es natürlich trotzdem.


Buchliste: Petra Gebhardt