Jetzt kamen die Osterferien, in denen Rixa und ich erst mal nach Hamburg zu Tante Dolly fuhren. Sie lebte in einer großen schönen Altbauwohnung in der Grindelallee und achtete sehr auf Savoir-vivre. Wir bewunderten den alten Kachelofen, der bis zur Decke reichte, die geräumige Küche mit einem Fenster zum Hof, aus dem wir uns mutig herauslehnten und viele Stockwerke hinab in den dunklen Hof sahen. Tante Dolly stellte dort perfekte und aufwendige Mahlzeiten her, die an einem gepflegten runden Tisch im Esszimmer eingenommen wurden. Alles war schön gedeckt mit weißen Servietten in silbernen Ringen. Ihr Ehemann, Onkel Kurt, ein Immobilienmakler, fuhr uns in seinem schwarzen Mercedes spazieren. Wir schlenderten durch Planten und Blomen und durften uns im Alsterpavillon einen großen Eisbecher bestellen. Soviel Luxus und Großzügigkeit waren wir nicht gewohnt, aber wir genossen das Verwöhntwerden und versuchten uns zu revanchieren durch Bescheidenheit und Hilfe im Haushalt. Tante Dolly hatte Angst, dass wir uns bei ihr langweilen könnten, was aber nie der Fall war. So hatte sie immer ein volles Programm für uns auf Lager. Wir bummelten mit ihr über den Jungfernstieg oder besuchten unsere übrigen Verwandten in Hamburg, alles Geschwister von Opa. Nur Onkel Hugo war kein Bruder von Opa, sondern der uneheliche Sohn von Tante Dolly, der mit Tante Friedel verheiratet war. Beide Paare besaßen keine Kinder und hatten deshalb Zeit und Muße, sich verstärkt um ihr Ambiente und ihr gepflegtes Äußeres zu kümmern. Trotzdem verstanden sie sich nicht gut, was möglicherweise mit der problematischen Mutter-Sohn-Beziehung zu tun hatte, aber auch an dem Konflikt zwischen Schwiegertochter und Mutter lag. Rixa und ich erfuhren einiges aus den Gesprächen, denen wir interessiert lauschten und standen auf der Seite von Tante Dolly, die wir sehr gern hatten. Tante Friedel hingegen hatte mich verletzt, als ich ein kleines Kind war und sie besuchte. Rixa wollte sie nicht mitnehmen; ich war ja so niedlich. Sie wohnte in der feinen Heimhuder Straße, wo sie ein Kleid von einem Nachbarkind für mich auslieh, was mir ganz und gar nicht gefiel. Ich musste es aber samt einem albernen Handtäschchen anziehen, um ihren Mann vom Flughafen abzuholen, wo er arbeitete. Ich begriff, dass meine Kleidung nicht gut genug war und sie mit mir renommieren wollte. Als ich einmal Husten hatte, gab sie mir eklige Pillen, die ich nicht nehmen wollte. Doch sie bestand darauf, da sie nachts von meinem Husten gestört wurde. So blieb ich die halbe Nacht wach und stopfte die Tabletten in kleine Ritzen eines gusseisernen Ofens, der neben meinen zusammengestellten Sesseln stand, in denen ich schlief.


Buchliste: Petra Gebhardt