Rixa saß auf dem Schulhof mit ihren Freundinnen auf der langen Bank, als ein Junge aus ihrer Parallelklasse zu ihr kam und sie fragte, ob ich ihre Schwester sei und wenn ja sie mich in seinem Namen zu seiner Party einladen könnte. Ich stiefelte inzwischen mit meinen neuen weißen und wadenhohen Stiefeln, in kurzem Röckchen und taillierter Jacke aus kleinkariertem Stoff über den Schulhof und sonnte mich im Anblick meiner Verehrer.

Meine Schwester überbrachte mir die Einladung. Ich ging mit Torsten hin, dachte aber mehr an Wolfgang und war mit all meinen Freunden unzufrieden.

Meine Eltern flogen nach Moskau, Rixa und ich nutzten die sturmfreie Bude und luden unsere Freunde ein. Ich ging mit Wolfgang in unser Zimmer nach oben, Rixa belegte das Wohnzimmer mit Uwe. Sie traf es schlimmer, als Mama und Papa unerwartet früher nach Hause kamen und plötzlich das Licht anknipsten. Halb bekleidet, knutschend auf dem Sofa stammelte Uwe irgendetwas dahin, bis Wolfgang herunterkam und die Situation charmant entspannte, während ich oben versuchte mein dunkelblaues „Tausendknöpfekleid“ zu schließen. Vielleicht hatte Mama einen moralischen Hintergedanken, als sie dieses Kleid für mich nähte, bei dem Knopf für Knopf vom Ausschnitt bis zum Saum durch kleine Schlaufen geschlossen werden musste. Als ich mit einigen Fehlknüpfungen das Wohnzimmer betrat, saßen schon alle friedlich um den Esstisch versammelt, Papa plauderte über die Reiseerlebnisse, während Wolfgang geschickt Fragen stellte und Interesse zeigte. Ich bewunderte ihn wegen seiner Nonchalance.

Der Junge aus Rixas Parallelklasse namens Klaus lud mich wieder zu einer Party ein. Diesmal ging ich alleine hin und hatte auch schon ein paar Mal mit ihm getanzt, als der größte Schwarm aller Mädchen des Barkhof Gymnasiums den Partykeller betrat, fragte: „Ist Petra da?“ und den Rest des Abends eng umschlungen mit mir schwofte. Später landeten wir auf einem alten Sofa und küssten und knutschten ununterbrochen. Erst als er mich nach Hause fuhr, habe ich die ersten Sätze mit ihm gesprochen, denn vorher kannten wir uns noch nicht. Nach diesem Abend bekam ich bei Klaus Partyverbot. Doch schon einige Tage später bot ich ihm an, den Keller aufzuräumen. Dabei verstanden wir uns gut, und er revidierte sein Verbot. Er lud mich zu einem Abend in der „Gondel“ ein, wobei er mich vorher mit einem gelben Strauß Tulpen von zu Hause abholte und sich meiner Mutter vorstellte. In der Gondel, ein Lokal in der Nähe des Bremer Hauptbahnhofs, setzten wir uns in eine der vielen Hollywoodschaukeln, die dort das Mobiliar bildeten und unterhielten uns. Dabei erfuhr ich, dass er vor kurzem aus einem Internat auf Langeoog zurück auf unsere Schule gekommen war, und dass er beim ersten Rendezvous niemals ein Mädchen küsste. So ging ich also ungeküsst nach Hause. Fortan gingen wir regelmäßig aus. Diese Abende endeten dann doch mit Küssen und Fummeln. Klaus wollte Nägel mit Köpfen machen und schickte, ohne mich zu fragen, Manfred ein Telegramm, dass ich mich nicht mehr mit ihm treffen würde, und er servierte auch alle anderen Nebenbuhler ab. Nun war ich in festen Händen, fuhr mit ihm, anstatt mit Bettina, den Schulweg hin und zurück, vermisste ihn, wenn er verreist war und vermisste meine anderen Verehrer gar nicht.

Bald war er fast jeden Tag bei uns zu Hause und sagte zu meiner Mutter „Mama“. Rixas Freund Uwe ging in die Parallelklasse von Klaus. Die beiden wohnten nur ein paar Schritte von einander entfernt in Oberneuland, so dass wir alle den gleichen Weg hatten. Wir wurden ein Vierergespann: Rixa und Uwe – Petra und Klaus.


Buchliste: Petra Gebhardt