Ich ließ mir von Peter, Wolfgang, Manfred, Torsten und Harald den Hof machen, ging mit ihnen aus, telefonierte, schrieb Briefe und

hatte immer weniger Zeit für die Schule, was sich in meinen Leistungen niederschlug. Mit Bettina, Rixa und Cristiane wurden alle Männergeschichten besprochen, und ich kam zu dem Schluss, dass Frauen klug seien und Männer dumm. Ich befürchtete, mich nie dauerhaft zu verlieben und zweifelte allgemein an meiner Liebesfähigkeit, da ich alle Jungen nach ein paar Monaten satt hatte.

Fast an jedem Wochenende wurde in der Aula oder Turnhalle eines Gymnasiums eine Fete veranstaltet. Abwechselnd gingen wir zum Hermann Böse Gymnasium, zum Alten Gymnasium, zum Kippenberg Gymnasium oder zu anderen. Dort trafen wir alle Freunde und Bekannte. Eine Schülerband spielte und wir tanzten bei großem Gedränge. Es gab Limonaden und Coca-Cola zu kaufen. Alkohol war verboten, doch die Jungen hatten oft einen Kasten Bier auf dem Schulhof versteckt. Lehrer waren auch zur Aufsicht da, aber die störten uns gar nicht. An einem dieser Abende sollte Harald mir auf dem Schulhof des Alten Gymnasiums den rechten Unterarm brechen, da wir am nächsten Tag eine Mathearbeit schreiben sollten, deren Stoff ich nicht beherrschte. Er haute mit aller Kraft auf meinen Arm, doch dieser brach nicht; er packte Oberarm und Handgelenk und schlug meinen Knochen auf seinen Oberschenkel wie man einen Zweig zerbricht, doch mein Arm brach nicht. Meine Haut war rot und blau - wir gaben auf; tanzten und knutschten lieber und ich verhaute die Klassenarbeit. Rixa, Bettina und ich bekamen fast jeden Herbst einen so genannten „Blauen Brief“ ins Haus geschickt, in dem unseren Eltern mitgeteilt wurde, dass unsere Versetzung gefährdet sei. Bettina war schon zum zweiten Mal sitzen geblieben und musste unsere Schule verlassen. Eigentlich hätte sie nun die Hauptschule besuchen müssen, aber ihre Mutter besorgte ihr durch Beziehungen und Überredungskunst einen Platz auf einer Realschule. Anschließend besuchte sie eine Hauswirtschaftsschule und machte dort das „Puddingabitur“. Dieser Name hatte sich eingebürgert, weil im Unterricht vorrangig Kochen und das Führen eines perfekten Haushaltes behandelt wurden. Kam uns Bettina am Nachmittag besuchen, erzählte sie uns, sie hätte heute gelernt, Handtücher fachgerecht zu bügeln. Als sie mal keinen Freund hatte, stellte sie sich eines Abends im Nachthemd auf den Balkon ihrer Großmutter, deren Villa in dem großen Park nahe einer Straße stand. Vorbei ging ein junger Mann, auf den Bettina ein Auge geworfen hatte. Sie warf ihm ein Zettelchen zu, auf dem ihre Telefonnummer und ‚ ich liebe dich’ stand. Das fanden wir recht dreist, aber es imponierte uns auch. Für kurze Zeit wurde dieser Junge tatsächlich ihr Freund.

Rixa und ich legten ab Herbst einen Zahn zu und lernten eifriger, damit wir zu Ostern die Versetzung schafften. In den Osterferien wollten wir beide etwas Geld verdienen. In einer Gärtnerei bekamen wir einen Job. Jeden Tag saßen wir acht Stunden lang bei jedem Wetter, bei Regen, Schneematsch und Kälte unter einem Schirm im Freien und setzten Tulpenzwiebeln in Holzkästen mit Erde. Zum Trost konnten wir uns unterhalten und davon träumen, was wir mit unserem selbstverdienten Geld anstellen würden. Mit einem Hundertmarkschein in der Stadt einzukaufen erschien uns unvorstellbar, da wir soviel Geld noch nie zur Verfügung hatten. In Erwartung dieses Glücks hielten wir die monotone Arbeit bei unangenehmer Witterung durch. Doch dann kauften wir uns Röcke und Pullover von dem sauer verdienten Geld, die uns schon am nächsten Tag nicht mehr recht gefielen und die wir fast nie trugen.

 

Meine Schwester Rixa wurde mit zunehmender Adoleszenz schwierig. Die Texte von Borchert und Böll, die in der Schule gelesen wurden, belasteten sie. Die hungernden Babys in Afrika, alle gequälten Tiere auf der Welt lagen ihr am Herzen und machten sie unglücklich. In der Schule wurden wir als dumm und lernunfähig bezeichnet, wenn wir unsere Haare wachsen ließen. Rixas Klassenlehrerin verbot allen Mädchen, Hosen zu tragen. Schülerinnen durften nur in Röcken zum Unterricht kommen. Die Twiggimode war angesagt, und so schränkten wir unsere Nahrungszufuhr drastisch ein. Mama beschwerte sich, dass unser Mittagessen auf einer Untertasse Platz hätte. Das Kochen würde sich für uns nicht lohnen. Andererseits vertilgte Rixa manchmal einen ganzen Napfkuchen alleine oder löffelte ein volles Honigglas leer. Sie hängte sich aus unserem Fenster und rauchte heimlich. Mich beschimpfte sie als oberflächlich.


Buchliste: Petra Gebhardt