Ich bekam einen Babysitterjob in einer Familie mit fünf Kindern. Diesen Job übernahm ich von Bettina, die ihn nicht weiter machen wollte aus Gründen, die ich erst später erfuhr. Am späten Nachmittag begann meine Arbeit in dem geräumigen Reihenhaus mit Äpfelschälen oder Hemdenbügeln.

Später wurden die Kinder gebadet und zu Bett gebracht. Ich half beim Haarwaschen und las anschließend Geschichten zum Einschlafen vor. Die fünf Kinder, zwischen fünf und neun Jahren alt, zwei Zwillingspärchen und ein Mädchen, erschienen mir ungebärdig und frech. Beim Vorlesen wollten sie nicht zuhören, unterbrachen mich ständig mit albernen Zwischenfragen und tobten in ihren Betten herum. Hatte ich sie endlich zum Einschlafen gebracht, setzte ich mich vor den Fernseher und stopfte Berge von Strümpfen. Wegen meiner kunstvollen Stopferei, die eher an Sticken erinnerte, wurde ich von der Mutter gelobt, vom Vater wurde ich morgens zusammen mit den anderen Kindern in die Schule gefahren. Für die Nachmittagsarbeit mit Übernachtung erhielt ich fünf Mark, konnte ich am Abend wieder nach Hause fahren gab es 2,5 Mark. Die Kinder gingen auf eine Waldorfschule. Obwohl sie täglich auf ihren Geigen üben mussten, hörte ich nur Gekratze und selten einen reinen Ton. Auch mit ihren Blockflöten erzeugten sie quietschende Töne, während das älteste Mädchen ihre Bratsche malträtierte. Morgens stand auf dem runden Esszimmertisch ein großer Drehteller, auf dem sich allerlei Schüsseln befanden mit Nüssen, Früchten, Rosinen, Haferflocken und Körnern. So lernte ich Müsli kennen. Bei uns daheim musste Essen schmackhaft, preiswert und nahrhaft sein. Oma hielt Zucker und Fett für sehr gesund, und Papa meinte, Kartoffeln gehören in den Keller und Steckrüben und Margarine würde er nach den kargen Kriegszeiten nie wieder essen. Er brutzelte mit Vorliebe in der Küche herum, wobei er schrecklich viel Geschirr verbrauchte und alles einsaute einschließlich des Fußbodens. In seinem Essen befanden sich sämtliche Gewürze, die unsere Küche hergab. Er war jedes Mal empört, weil wir Frauen nichts davon essen wollten, denn uns kam schon nach dem ersten Bissen Feuer aus dem Hals. Wir hingegen waren auch empört, da er es immer wieder uns überließ, das Schlachtfeld in der Küche aufzuräumen. Papas Lieblingsgewürz war Cayennepfeffer und „Löwensenf extrascharf“. Seine Geschmacksnerven waren offensichtlich durch unzählige Packungen Lucky Strike und den reichlichen Konsum von Rum degeneriert.

 


Buchliste: Petra Gebhardt