Als wir endlich unseren Polterabend feierten, war ich schon im fünften Monat schwanger.

In unser kleines Reihenhaus pilgerten mehr als drei Schulklassen: meine ursprüngliche Klasse, meine „Sitzenbleiberklasse“, die Abiturklasse von Klaus und etliche Freunde warfen altes Geschirr, Flaschen und Kloschüsseln auf unsere Gehwegplatten, die Klaus und ich dann wieder sauber fegen mussten. Bei fortgeschrittenem Abend und zunehmenden Alkoholkonsum mussten einige Gäste hinausgeführt werden, die sich dann in unserem Vorgarten oder am Fahrradschuppen erbrachen. Einen fuhren wir in der Schubkarre zum wartenden Taxi, während andere sich mit fingerlangen Degen, die zum Aufspießen der Häppchen dienten, einen spielerischen Zweikampf lieferten. Ich trank keinen Alkohol, kämpfte mit meiner Übelkeit, hatte Kreislaufstörungen und fühlte mich erschöpft. Doch die Feiern gingen weiter.

Am 30. August 1968 war die standesamtliche Trauung. Am Bürgerpark steckten wir uns goldene Ringe an die Finger, die meine Cousine Lydia und ihr Mann Gerd gefertigt hatten, allerdings ohne Inschrift. Das hatten sie zeitlich nicht mehr geschafft. Die beiden waren gelernte Goldschmiede und seit kurzem verheiratet, da sie auch ein Kind bekommen hatten. Klaus und ich hatten sie in ihrer kleinen Kellerwohnung in der Neustadt besucht und obwohl alles recht schäbig und ärmlich war, hatte es uns in unserem Vorsatz, ein gemeinsames Leben zu wagen bestärkt. Wir fanden das ganz toll bei ihnen: Mama, Papa und Baby.

Mein Papa, der sich extra für diesen Tag die Haare hatte kurz schneiden lassen - was ich scheußlich fand - und Schwiegervater fungierten als Trauzeugen. Danach waren wir zu einem Sektfrühstück bei meiner Schwiegermutter eingeladen. Die Schwester von Klaus war sechs, sein Bruder fünfzehn und seine Mutter 38 Jahre alt. Verständlicherweise war sie nicht besonders erfreut, Oma zu werden. Das ließ sie sich nicht anmerken, sondern servierte uns einen Krabbencocktail in hochstieligen Gläsern. Den brachten wir noch in friedlicher Atmosphäre in unsere Mägen, doch danach ging es los. Die geschiedenen Eltern von Klaus, die auch sehr früh geheiratet hatten, begannen an unserem Hochzeitstag zu streiten. Schwiegermama warf ihrem Ex-Mann allerlei vor – schließlich hatte er sie wegen seiner Sekretärin verlassen, die zur selben Zeit wie sie ein Mädchen bekam – und das hatte sie noch nicht verschmerzt. Mein Schwiegerpapa versuchte zu beschwichtigen, doch sie hörte nicht auf zu weinen. Am nächsten Tag sollte die große Hochzeitsfeier im Bürgerpark sein, doch Klaus Mutter verlangte, dass die neue Frau seines Vaters dort nicht anwesend sei, sonst würde sie nicht kommen. So feierten wir ohne meinen Schwiegervater und seine Frau, obwohl er das Fest arrangiert hatte. Am Nachmittag trudelten bei uns viele Hamburger Verwandte ein, um die sich Mama kümmerte, während ich mich in meinem Kinderzimmer schön machte. Vormittags waren wir drei Frauen beim Friseur gewesen, der mir Korkenzieherlocken mit Rosen garniert hochsteckte. Jetzt schlüpfte ich in das lange hellblaue Voilekleid mit weißen Pünktchen, das Mama mir genäht hatte. Ich legte die Bernsteinkette mit den passenden Ohrringen an, die Klaus mir gekauft hatte, als wir im Sommer unseren ersten gemeinsamen Urlaub mitsamt meiner ganzen Familie in Dänemark verbrachten. Außerdem hatten wir dort das erste Stück für unsere zukünftige Wohnung gekauft: Eine antike Petroleumlampe zum Aufhängen.

An meinem Hochzeitstag fühlte ich mich ziemlich nebensächlich, da sich keiner großartig um mich kümmerte; vielmehr drehte sich alles um die Gäste. Klaus und ich stiegen in ein Taxi, um zum Emmasee zu fahren. Unterwegs bemerkte ich zwei feuchte Flecken an meinem Kleid: Mir lief schon Milch aus dem Busen. Klaus rettete mich mit einigen Tempotaschentüchern. Zu unserem Fest waren alle Verwandten aus der Familie von Klaus und aus meiner eingeladen. Unsere Freunde fehlten. Wir amüsierten uns nicht besonders, außer bei der Rede meines Vaters, der das Wort Hochzeit von „hohe Zeit“ herleitete und so auf meinen Zustand hinwies. Das empörte die Großmutter von Klaus und sie rief: „Unerhört!“

Wir verließen das Fest recht früh und mussten die Hochzeitsnacht auf der Luftmatratze verbringen, da alle Betten in unserem Haus mit Gästen belegt waren. Am nächsten Tag feierten wir mit Schwiegerpapa und seiner Frau im Parkhotel weiter, denn sie hatten ja um des lieben Friedens willen auf das andere Fest verzichtet. An einem großen runden Tisch wurde uns feines Essen serviert, wobei wir versuchten, uns kennen zu lernen.

 

Nun endlich waren die Feiern vorbei; Klaus und ich starteten mit einem kleinen Flugzeug zu unserer Hochzeitsreise nach Sylt mit Zwischenlandung auf Helgoland und … es begann eine neue Familiengeschichte.   


Buchliste: Petra Gebhardt

Kommentare  

#1 Kevin 2015-03-11 23:27
coole geschichte, nun raff ichs, was mein alten so machen
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