Nun mussten noch meine Eltern alles erfahren. Das übernahm Klaus.

 Ich setzte mich ganz oben auf die Treppe und lauschte, während er in der Küche bei Mama stand, die kochte. „Mama, wir wollen heiraten“ setzte er an, aber sie entgegnete gleich: „ Ach, wartet man noch, ihr seid doch noch so jung.“ „Trotzdem wollen wir jetzt schon heiraten“. „Macht man erst eine Ausbildung, dann sehen wir weiter.“ „Wir müssen aber jetzt heiraten.“ Sie hielt im Rühren inne, sah Klaus nachdenklich an und fragte: „Ihr müsst heiraten?“ und rief dann meinem Vater, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen war und die Küchentür passierte, zu, ohne sich vom Kochherd abzuwenden: „Gustav, du wirst Opa!“ „So, so“ sagte er und ging weiter ins Wohnzimmer.

Unsere Eltern setzten sich zusammen und besprachen alles Notwendige für unsere Zukunft. Die Hochzeit sollte am Emmasee im Bürgerpark stattfinden. Klaus sollte in Hamburg entweder Jura oder Betriebswirtschaft studieren. Mein Schwiegervater würde eine Wohnung bezahlen, anstatt eines Zimmers, und 400 Mark monatlich für unseren Lebensunterhalt, wie es in seinem Scheidungsvertrag vereinbart war, denn meine Schwiegereltern waren seit einigen Jahren geschieden. Beide Eltern saßen gemeinsam in unserem Wohnzimmer und beratschlagten, wobei Klaus und ich nicht viel zu melden hatten. Nach unseren Vorstellungen wurde nicht weiter gefragt; wir waren mit allem einverstanden. Meine Schulzeit war erst mal vorbei. Mit Klaus besuchte ich eine Abitursparty nach der anderen in schönen Villen der Markusallee oder Oberneulands. Aber das waren die Klassenkameraden von Klaus und sein Abitur, nicht meins.

 

Ich dagegen wurde mit Mama ins Sozialamt zitiert, wo eine Sozialpädagogin uns zu überzeugen versuchte, dass Heirat ja auch nicht immer die beste Lösung sei. Sie redete solange auf uns ein, bis Mama der Kragen platzte und scharf sagte: „Möchten sie vielleicht das Kind großziehen, oder was wollen sie eigentlich?“ Dann wurden Klaus und ich vor den Richter geladen. Auf zwei harten Holzstühlen saßen wir vor seinem Schreibtisch und mussten Rede und Antwort stehen. „Wann hat ihr Freund Geburtstag?“ Ich sagte das Datum. „Wann ist der Geburtstag ihrer Freundin?“ Das wusste Klaus auch. „Können sie kochen?“ fragte er mich und so ging das weiter bis Klaus endlich von ihm für volljährig erklärt wurde, und wir die Heiratsbewilligung bekamen. Ich blieb weiterhin minderjährig, durfte kein eigenes Bankkonto eröffnen und wurde erst drei Jahre später mit 21 Jahren volljährig und geschäftsfähig.


Buchliste: Petra Gebhardt