Vor mir liegen etliche Briefe meines Vaters aus der englischen Kriegsgefangenschaft. Es sind längliche zusammengesteckte Briefe, mit Bleistift geschrieben in der schwungvollen unleserlichen Schrift meines Vaters an seine Eltern. Er war damals 27 Jahre alt. Immer wieder bittet er seine Eltern sehnsüchtig um Nachrichten aus Bremen, von Verwandten und Bekannten und fragt immer wieder, ob die Eltern schon verhungert seien.

Einige Ausschnitte aus diesen Briefen dokumentieren seinen Gemütszustand und die Lage in der damaligen Zeit: 

England ,8.1.45: „Liebe Eltern, mir geht es gut, ich hoffe dasselbe von Euch annehmen zu dürfen. Bin gespannt, wann ich die erste Post von Euch erhalten werde. Man erhofft ja immer das Beste und ist auf das Schlimmste gefasst. Zu Weihnachten haben wir vom Reich ein englisches Pfund überwiesen bekommen; der Bauch hat ebenfalls sein Recht bekommen.

 

4. März 45: „Liebe Eltern, hoffend, dass es Euch noch wohlergeht und bei Euch alles in Butter ist, sende ich Euch erneut ein Lebenszeichen.“ „Schreibt Briefe, wenn Ihr verhungert sein solltet, das sind dann meine letzten Andenken an Euch!“

 

Dezember 45: „Liebe Eltern, erfreut erhielt ich heute die erste Nachricht von Euch. Damit bin ich um ein Fragezeichen erleichtert worden. Mir fiel ein Stein vom Herzen. …Was habt Ihr für Pläne für die Zukunft? Was macht die Seefahrt? Wie sind die Chancen für mich in irgendeiner Beziehung? Wir haben Radio. Ich höre laufend Berichte und Nachrichten aus Deutschland. Immer wieder kommen mir Gespräche von Vati und Onkel Emil in Erinnerung – sie sind prophetische Erkenntnisse geworden.“ „Die Ära „Adolf des Verbrannten“ ist nun vorüber und Schwarz ist wieder Schwarz und Weiß ist Weiß. Hoffentlich lernen die Bremer und lassen sich nicht wieder wie 1918 das „Gewehr“ aus der Hand nehmen. Verfolge eifrig die Entwicklung in Deutschland. Das Echo bei den meisten Kameraden ist leider mäßig, aber Scheuklappen kann man nicht mit Gewalt entfernen, nur mit Geduld. Solange mir noch Milchbrei, Weißbrot und Halberschlag schmecken und Mistfahren, Dreschen und Zweizentnersäcke bewegen Sport ist, geht es mir gut.“

Schickt mir Bremer Zeitungen. Handfeste Arbeit, gutes Essen halten den Körper fit. Die Seele hängt manchmal ein bisschen nach.“

Viele von uns sind nicht geistig tot. Ich bin aktiver Teilnehmer einer politischen Arbeitsgemeinschaft. Halte kleine Vorträge und Referate um die Nur–Skatspieler zum Nachdenken zu beeinflussen. In einer Gemeinschaft für werdende Abiturienten gebe ich Abrisse in Geschichte – mein Zweck, ich will wieder reden lernen – mitteilen.“

Die Ehre und Achtung für meinen Vater, trotz aller Fehler und Schwächen, hat sich in Verehrung gesteigert. Seine Erkenntnis hat sich mathematisch bewahrheitet. Wer in der Sonne eines Emil Sommers gelebt hat, musste sich so entwickeln ohne an eigener Persönlichkeit zu verlieren. Er hat nicht nur Sozialismus gepredigt, sondern mit seiner Frau Sozialismus vorgelebt! Die Bilanz tut meiner Mutter keinen Abbruch, sie gab mir Leben und Kinderstube – ein Grundstein. Euer Carlo.“

 

Mein Vater wurde Ende 1946 nach zwei Jahren vorzeitig aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wegen seiner vorbildlichen politischen Haltung. Er war 25 Kilometer nordwestlich von London in Aylesburg interniert und arbeitete in der Landwirtschaft. Uns erzählte er früher immer, er wäre „Cherrypicker“ gewesen und die Kirschen hätten himmlisch geschmeckt. Er war zehn Jahre Angehöriger der Kriegsmarine und davon drei Jahre auf dem Schlachtschiff Gneisenau. Im Ärmelkanal wurde sein Schiff versenkt, er verbrachte lange Zeit im Wasser und kam dann in englische Kriegsgefangenschaft.

 

 


Buchliste: Petra Gebhardt