Nach seinem Tod fand ich einen Brief ohne Datum von ihm:

 

 

Meine liebe Ehefrau,

da Du für dieses Thema nicht zu sprechen bist, habe ich folgende Statistik für Dich erstellt. Im letzten Jahr habe ich mich 365mal um Dich bemüht. Nur 36mal hatte ich Erfolg. Das ergibt einen Durchschnitt von einmal in zehn Tagen. Die Gründe für meine Misserfolge waren folgende: 17mal war es zu kalt, 18mal war es zu warm, 5mal war das Kind noch wach, 52mal warst Du zu müde, 93mal war es aus technischen Gründen nicht möglich, 5mal war es zu früh, 25mal waren die Fenster auf, es hätte jemand hören können; 5mal hattest Du Rückenschmerzen, 10mal hattest Du Kopfschmerzen, 10mal hattest Du zu viel getrunken, 21mal warst Du nicht dazu aufgelegt, 7mal weinte das Kind, 22mal hattest Du eine neue Frisur, 7mal musstest Du am nächsten Tag zum Arzt, 7mal war ein schöner Film im Fernsehen, 25mal kamst Du zu spät zur Arbeit.

In 36 Fällen, wo ich zum Erfolg kam, war es aus folgenden Gründen auch kein Vergnügen: 21mal hattest Du gebeten, ich solle zusehen, dass ich fertig werde; 2mal hast Du dabei festgestellt, dass die Zimmerdecke neu gestrichen werden müsste; 2mal dachte ich, ich hätte Dir weh getan, weil Du Dich bewegt hast; 11mal musste ich Dich wecken, um Dir zu sagen, dass ich fertig bin – und das alles in einem Jahr.

 

Es grüßt Dich Dein Ehemann

 

 

Ein anderes Schriftstück, leider auch ohne Datum, stammt auch von ihm:

 

 

Wenn das Alter fortschreitet, schwinden die großen und herrlichen Lebensgefühle eins nach dem anderen. Die Leidenschaft der Liebe flieht, und Frauen verlieren all ihren Reiz. Die Träume gehen dahin – die großen wundervollen Träume der Jugend. Der Magen versagt, und die Speisen haben nicht mehr ihren köstlichen Geschmack. Die Ohren hören nicht mehr scharf, und die süßen Laute der Natur sind vergessen; die Augen werden stumpf, und der Anblick all der Schönheit ist uns nicht mehr vergönnt. Selbst Tabak hat nicht mehr den alten erfrischenden Geschmack. Poesie wird schal, und schließlich sogar die Philosophie bedeutungslos.“


Buchliste: Petra Gebhardt