Silvester 1948 heirateten meine Eltern. Sie gingen zum Standesamt; meine Mutter in einem lila Seidenkleid.

Am 15. August 1949 wurde meine Schwester Rixa geboren. Als meine Mutter unter schmerzhaften Wehen im Sankt Josefs Stift lag, wurde sie von einer Nonne immer wieder nach ihrer Konfession gefragt, bis meiner Mutter der Kragen platzte und sie anbrüllte: „Ich bin Dissident!“ Mein Vater wollte nun seine Tochter namentlich beim Standesamt anmelden, was aber auf unerwartete Schwierigkeiten stieß. Der Standesbeamte war der Meinung, dass es einen Namen Rixa nicht gäbe, er solle einen anderen Namen wählen. Das konnte Papa nicht akzeptieren. Dann solle er einen zweiten Namen hinzufügen. Auch das wollte er nicht. Papa schrieb einen Artikel im Weser-Kurier, in dem er den Namen Rixa von dem altdeutschen Namen Ricarda (weibliche Form von Richard) herleitete, seine namenlose Tochter bedauerte und den sturen Standesbeamten anprangerte. Diese Aktion führte zum vollen Erfolg. Rixa bekam ihren Namen ohne Wenn und Aber. Am 15. Juni 50 wurde ich geboren, nur zehn Monate später. Meine Eltern glaubten an die alte Naturregel, dass stillende Frauen nicht empfangen können. Später sagte unser Vater zu uns, unsere Mutter sei so fruchtbar, dass er nur seine Unterhose über den Bettpfosten zu hängen bräuchte, und schon sei sie schwanger. Bei meiner Namensgebung gaben sich die Eltern nicht so große Mühe wie bei Rixa. Ich sollte ein Junge werden und Pidder heißen. Daraus machten sie einfach Petra. Durch die kurz hintereinander folgenden Schwangerschaften, litt unsere Mutter nach meiner Geburt an einer Symphysensprengung und konnte lange nicht richtig laufen. Als sie aus dem Krankenhaus kam, empfing sie Papa mit einer Schüssel Wackelpudding in den Farben Schwarz, Rot, Gold.

 

Am 8. Dezember 1947, zwei Jahre vor ihrer Hochzeit schrieb mein Vater folgendes:

 

 

Bunte Reihe bei „Kutscher Behrends“

 

 

Zwölf Leutchen, zwei schlicht zwei kraus, sitzen vergnügt bei Kutscher Behrends in Falkenberg. Zwei Kuchenpakete, zwei Aktentaschen mit bacchanalischem Wasser harren der Vernichtung. Alle männlichen Partner sind verheiratet, bis auf einen, der wartet noch. Alle weiblichen Partner sind ledig, bis auf eine, die ist verlobt und wartet auch noch. Die Männer haben ihre Frauen lieb, deshalb wurden sie nicht mitgenommen. Die kleinen ‚Epis’ werden eingeschenkt und der hausgebackene Kuchen gelobt. Man scherzt, lacht, tanzt und schaut sich verliebt in die Augen. Den also Beglückten schlägt keine Stunde, um 22 Uhr ist bei Kutscher Behrends zappenduster. Man fährt zur Mutti der Verliebten und Verlobten. Der runde Tisch wird oval gemacht, aber eckig wird er nicht mehr. Die Flaschen sind leer und einige Männer haben bereits genug. Es wird laut geredet und noch lauter gesungen, die Frauen fühlen sich trotz allem etwas vernachlässigt. Takt ist schwer; Kontakt noch schwerer. Einige der Männlichkeiten fallen aus der Rolle, sie werden prosaisch. Übelnehmerisch ist keiner, in vorgerückter Stunde zieht man fröhlich von hinnen. Die beiden Prosaischen können sich nur zögernd trennen, sie werden noch prosaischer, aber mit Gott gehen sie doch und sie freuen sich über den Spaß. Die Alleingelassenen ärgern sich auch nicht. Sie ist verlobt, er ist verliebt, manchmal sind beide verliebt, und andere denken sie sind verlobt. Nun liegen sie beide dicht aneinander gekuschelt auf der Chaiselongue und philosophieren über die Liebe anstatt zu lieben, sie reden über Heiraten und Nicht-Heiraten, statt zu heiraten oder zu brechen. Und doch verstehen sich beide mathematisch genau und mögen sich schrecklich gern. Sie sind mehr als Freunde und doch nur Freunde. Mit einem unsichtbaren, heißen Herzensband sind sie einander verbrämt ohne Formalität, Talisman und Symbol. Aus beider sanfter Augen strahlt die Wahrheit der Seele, darüber sprechen sie nicht, sie fühlen es und das genügt ihnen. Vielleicht schenken die Götter ihren Lieblingen nie alles, sofern man götterhaft liebt? Erwartung und Hoffnung sind die Stütze der Liebe, die Erfüllung aber ihr Inhalt. Niemand kann den beiden rauben Liebe, Hoffnung und Glauben… den Glauben, dass fünf Pfund Rindfleisch eine gute Suppe gibt und ein Spatz in der Hand besser ist als eine Taube auf dem Dach. Alles andere sollte manchmal Käse sein.


Buchliste: Petra Gebhardt