Meine Mutter war zu der Zeit, als mein Vater bei „…bei Kutscher Behrends“ schrieb, mit einem katholischen Soldaten namens Jupp verlobt, der nach dem Krieg vermisst wurde. Sie wartete auf ihn, als sie meinen Vater kennenlernte. Als Jugendliche fand ich bei ihrem Schmuck einen goldenen Verlobungsring mit der Gravur Jupp. Aus Spaß trug ich ihn häufig.

Kaum hatte sich meine Mutter entschlossen und meinen Vater geheiratet, kehrte Jupp zurück. Zu spät! Über 40 Jahre später traf Mama ihren Jupp wieder, nachdem mein Vater gestorben war, aber sie wollte sich nicht weiter mit ihm verabreden. Er sei ihr fremd und passe nicht zu ihr, und sie könne sich nicht vorstellen, mit ihm verheiratet zu sein, sagte sie.

Über die Liebe schrieb mein Vater folgendes:

 

Von der Liebe

 

Es ist schwer, von der Liebe zu sprechen, besonders zu jüngeren Menschen, wenn man den Vorwurf umgehen möchte, wie ein alter Professor Bücherwurm an einer dafür viel zu zarten Blume herumzutüfteln. Immerhin werdet ihr in Anbetracht des guten Zweckes Verständnis haben.

Bis zu einem gewissen Alter ist der junge Mensch dem anderen Geschlecht gegenüber völlig unvoreingenommen; für ihn gibt es einfach keine zweierlei Menschen. Aber dann kommt doch der Tag, da die eine oder der eine auffällt, dem inneren Menschen auffällt. Gebärdenspiel und Bewegungen, das Lachen und die ganze Art eines Menschen geben den ersten Anlaß, ihn nicht nur mit den Augen, auch mit dem Herzen zu suchen. Und allgemach, mit zunehmendem Älter – und Reiferwerden erwacht zum erstenmale der Wunsch, einem anderen vertraut nahe zu sein. Erste Schwärmerei wird selige Verliebtheit, erste Leidenschaft brennt auf in jungen Herzen und Hirnen. Bis dann eines Tages ein so starkes Gefühl über uns kommt, dass wir ohne Phrase von der ersten großen Liebe sprechen dürfen.

Sie ist ein Geschenk des Himmels, freilich nur für den, der aufgeschlossenen Herzens und Sinnes dieses Geschenk auch aufzunehmen weiß.

Liebe ist eine Aufgabe.

Liebe will gelernt und geübt sein.

Sie will vor allem aber gepflegt sein.

Ich sprach von der Liebe; verwechselt mir aber nicht leidenschaftliches Verliebtsein mit Liebe. Während Leidenschaft nur stets voller Ungeduld besitzen will, nur den Menschen als solchen, strebt wahre Liebe zunächst danach, den geliebten Menschen in seinem Wesen zu erkennen, in sein Seelenleben Eingang zu finden. Auf die gleiche innere Marschroute kommt es an. „Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in gleicher Richtung blickt“ (A.de. St. Exupery).

Zu preisen sind die, bei denen leibliches Begehren in gleichem Maße die Sehnsucht nach dem Wesen des anderen, nach dem Menschen, gegenübersteht. Denn Liebe, sie ist ja auch viel mehr als nur auf dem Geschlechtlichen gegründet. Wie viele, denen zur rechten Zeit niemand den Schlüssel dazu gegeben, jagen hinter billigen Liebesillusionen um die Wette, bringen sich selber dar auf dem Jahrmarktsrummelplatz der Gefühle.


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