In der Seewenjestraße

Damals wohnten wir in der Seewenjestraße 28 im Haus meiner Großeltern in Bremen. Mama fuhr uns in einer hölzernen Zwillingskarre spazieren, in der wir uns gegenüber saßen und ansehen konnten. Wir wurden meistens gleich gekleidet. Fragte jemand unsere Mutter, warum denn die eine so blond und blauäugig sei, und die andere mit braunem Haar und braunen Augen, so antwortete sie, die eine sei vom Milchmann und die andere vom Schornsteinfeger.

Als ich noch ein Baby war, setzte mich Mama in einen Kinderhochstuhl und wollte mich füttern. Ausgerechnet jetzt klingelte es unten an der Haustür. Mama rannte hinunter, ich fing an zu schreien wegen Nahrungsmangels, machte mich steif und rutschte den Hochstuhl hinunter mit einer unsanften Landung auf dem Boden. Als Mama wieder heraufkam, erschrak sie, weil sie eine unnatürliche Haltung meines Beines bemerkte. Ich hatte mir den Oberschenkel gebrochen. Heute haben alle Kinderstühle einen Steg zwischen den Beinen.

Unsere Straße war nur auf einer Seite mit Einfamilienhäusern bebaut. Auf der anderen Straßenseite lagen Felder bis zu einem fernen Bahndamm. Das Grundstück rechts von uns war unbebaut, eine Folge der Bombenzerstörung im Krieg. Dort spielten wir immer das schöne Spiel: „Ich erkläre Dir den Krieg.“ Dazu brauchten wir einen Stock und einen Ball. Mit dem Stock zeichneten wir einen Kreis in die Erde. Jeder Mitspieler bekam darin ein Tortenstück, das war sein Land. Einmal warf unsere Freundin Anne den Ball weit weg und rief: „Ich erkläre Rixa den Krieg!“ Rixa lief schnell hinter dem Ball her, nahm ihn auf und warf ihn zielsicher in die zu einem Kreis geformten Arme ihres Gegenspielers. Da sie getroffen hatte, durfte sie sich mit dem Stock ein Stück Land von Anne abtrennen soweit ihr Arm reichte. Nun stand Anne auf einem winzigen Stück Boden, auf dem nur noch ein Fuß Platz hatte. Sie schwankte auf einem Bein hin und her und landete schließlich auf ihrem Hintern. Anne heulte und ging nach Hause. „Morgen spielen wir aber Marmeln!“ rief sie zurück. Rixa hatte mal wieder gewonnen, denn sie besaß am Schluss am meisten Land. Wir mussten nun auch schnell ins Haus, denn die Straßenlaternen gingen gerade an.

Der Fußweg vor unserem Haus bestand aus festgetretener schwarzer Erde, gut geeignet, um kleine Löcher zu buddeln für unser Marmelspiel. Auf der Straße fuhr selten ein Auto. Wir lernten darauf Fahrradfahren. Das Fahrrad, auf dem wir übten, war ein Herrenrad für Erwachsene. Da es zu groß für uns war, übten wir im Stehen, den Oberkörper unter die Stange zum Lenkrad hin gewunden. 


Buchliste: Petra Gebhardt