Fuhr unsere Oma mit dem Rad einkaufen, nahm sie uns meistens mit. Rixa saß auf dem Gepäckträger, ich vorne auf dem Kindersitz und an jeder Lenkerseite hing eine Einkaufstasche. Sie waren aus groben hellbraunem Leder und ungefüttert. Wir fuhren nach links, die Seewenjestraße entlang. Bei der nächsten Ecke mussten wir das Grundstück des Kohlenhändlers umrunden. Dort bekam ich immer Angst, weil ein großer Schäferhund uns kläffend begleitete. Waren Rixa und ich alleine unterwegs, musste meine große Schwester vorgehen, um zu erkunden, ob der Hund angekettet war. Weiter radelte Oma an einzelnen Häusern vorbei einen kleinen Hügel hinauf. Dann ging es bergab. Oma, die etwas dick war, hörte auf zu schnaufen, und wir fuhren weiter durch Straßen mit schmalen Fußwegen, die mit Reihenhäusern und zwei – oder dreigeschossigen Wohnblocks bebaut waren. An der nächsten Ecke ragten Mauerreste in die Höhe, in der Mitte befand sich ein großes Loch mit schwarzem Wasser, eine Treppe führte ins Nichts. Dort spielten wir auch sehr gerne, obwohl es verboten war. Wir warfen Steine in das Bombenloch, suchten im Schutt nach brauchbaren Gegenständen, legten ein Brett über das Wasser, um in einer Mutprobe darüber zu balancieren, spielten Verstecken oder wer traute sich, die Treppe hoch zu steigen. Ich fand ein kleines Stückchen Fliese mit einem bunten Muster und hütete es wie einen Schatz.

Oma stieg vom Rad, überquerte schiebend die Hauptstraße und erreichte den „Konsum“. Wir betraten einen Raum mit Holzfußboden, der von drei Seiten von einem Verkaufstresen umrundet war. Dahinter befanden sich Regale mit Waren. Am Eingang standen ein Fass mit sauren Gurken und eines mit Sauerkraut. Oma musste warten bis sie an der Reihe war. Rixa und ich schauten uns die Auslagen an. Wir mussten stets einen guten Eindruck hinterlassen und sprachen nur, wenn wir etwas gefragt wurden, denn beim Einkauf wurden alle Familie- und Nachbarschaftsverhältnisse bekakelt. Viel kaufte Oma nicht, da unser Garten Gemüse und Obst lieferte. Eier und Milch holten wir beim benachbarten Bauern. Die Milch fand ich ziemlich eklig. Darauf schwammen immer kleine Fettstückchen. Mehl und Zucker wurden in braunen Papiertüten abgewogen, ein paar Scheiben Käse und Wurst wurden geschnitten, hinzu kamen ein Päckchen Margarine, ein Topf mit braunem Zuckerrübensirup und eine Dose Ölsardinen. Dies alles wanderte zur Kasse, wurde mit Groschen und Mark bezahlt, da die Lebensmittelmarken in meinem Geburtsjahr 1950 endlich abgeschafft worden waren und wurde in den braunen Ledertaschen verstaut. Zur Belohnung bekamen Rixa und ich je eine Lakritzschnecke.

In der Nähe des Konsums gab es noch einige andere Geschäfte. Ich erinnere mich an eine Schlachterei, einen Bäcker, ein Fischgeschäft und eine Drogerie. Diese und noch andere Läden spielten eine wichtige Rolle, wenn der 6. Dezember nahte. Am Nikolaustag wurden Rixa und ich von Mama und Oma verkleidet. Mit einem Stück Kohle malten sie uns schwarze Nasen, mit einem Lippenstift rote Apfelbäckchen. Wir bekamen einen alten Sack und einen Stock in die Hand gedrückt und pilgerten mit unserer Freundin Anne bei Dunkelheit in die Geschäftsstraße. Auch andere Kindergruppen waren unterwegs. Wir betraten einen Laden, klopften mit unserem Stock auf den Fußboden und sangen dazu:
„Nicolaus, der grode Mann

Kloppt an alle Dören an

Lütsche Kinner bringte wat

Grode Kinner steckte in Sack

Halli, halli, hallo

So geiht in Bremen to!“

 

Dann öffneten wir unseren Sack, und der Geschäftsinhaber oder ein Verkäufer tat hinein, was er gerade entbehren konnte oder was er extra für diesen Tag hergestellt hatte. Wir bedankten uns und zogen in den nächsten Laden, wobei wir uns beeilten, um von den begehrten Sachen noch etwas zu ergattern. Es konnte auch sein, dass es gar nichts mehr gab, wenn schon viele Kinder vor uns da gewesen waren. Später waren wir müde, der Sack wurde schwer, und die Tante-Emma-Läden wollten endlich Feierabend haben. So trotteten wir nach Hause, um dort unsere gesammelten Schätze zu begutachten. In dem Sack klebten Salmiakpastillen an kleinen Würstchen, ein Bismarckhering schmiegte sich an eine winzige Niveadose, Minibrötchen hatten sich mit Himbeerbonbons verbunden, Spekulatius umschlossen eine Frikadelle wie einen Hamburger. Doch das störte uns überhaupt nicht, wir pulten alles auseinander und verspeisten es mit Vergnügen.


Buchliste: Petra Gebhardt