Abends saßen wir im Wohnzimmer um den Couchtisch herum am gedeckten Abendbrottisch, den man an einer Kurbel hoch drehen konnte. Eine Stehlampe erleuchtete den Tisch, rundherum war alles dunkel, und dies erzeugte eine überschaubare, abgeschlossene Situation von Vater, Mutter und uns zwei Kindern - wie auf einer Insel. Für mich war es der Inbegriff der Gemütlichkeit, und ich fühlte mich ausgesprochen geborgen, wie nur selten später. Wir lernten unser Brot mit Messer und Gabel zu essen, und Papa las danach plattdeutsche Geschichten aus dem Buch „Ottjen Alldag“ vor, in denen von kladdrigen Sofas und Menschen, die sich als Löwen verkleideten und in einem Käfig eingesperrt wurden, die Rede war. Einmal in der Woche holte meine Mutter die Zinkwanne hervor. Sie wurde in der Stube vor den kleinen, schwarzen Ofen aus Gusseisen gestellt, der ordentlich geheizt war. Meine Schwester und ich saßen zusammen im heißen Wasser, das auf dem Gasherd und Ofen erhitzt wurde. Anschließend stieg mein Vater in die Wanne. Sollten wir ins Bett, musste Mama uns erst fangen. Wir jagten in unseren Nachthemden um den Tisch, sprangen auf dem alten Sofa herum und entwischten auf die Stühle. Bevor es ins ungeheizte Schlafzimmer unter die dicken Federbetten ging, die eiskalt waren, wickelte Mama uns unsere Unterhosen um die Füße, damit es nicht gar zu kalt war. Sonntags, wenn die Eltern länger schliefen, schlichen Rixa und ich ein Stockwerk tiefer in das Ehebett unserer Großeltern. Die Eine lag bei Opa, der seine Späße machte, eine Kinderhand packte und sie auf unsere Wange schlug und dann immer fragte: „Warum haust du dich denn?“ Die Andere lag bei Oma, wo es warm wie in einem Backofen war, und sie sagte: „Willi, ärger’ die Kinder nicht“. Darauf mein Großvater: „Elly, mach’ lieber Frühstück.“ Später breitete meine Mutter im Wohnzimmer eine Decke auf dem Fußboden aus. Wir drei setzten uns darauf, Mama erzählte Geschichten und sagte, wir säßen jetzt in einem Boot, und nun käme ein großer Sturm auf, wir Drei umklammerten uns, wir wiegten uns mit den imaginären Wellen hin und her, einer fiel ins Wasser (rutschte von der Decke) und musste gerettet werden. Das Boot drohte zu sinken. Wir klammerten uns an Mama fest. Manchmal spielten wir auch „Baby“. Mama war das Baby und schrie und schrie. Wir versuchten sie zu beruhigen und streichelten sie, aber sie schrie immer weiter. Wir waren verzweifelt und holten ihr etwas zum Essen, dann war sie ruhig. Mama sollte aufstehen. Wir hatten keine Lust mehr zum Spielen. Wir rollten sie aus dem Bett auf eine Fußmatte und zogen sie mit vereinten Kräften in die Küche.


Buchliste: Petra Gebhardt