An meinen ersten Schultag kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich dort in der Schule „Petra“ nannte und nicht mehr wie sonst immer „Peti“. Das kam mir bedrohlich und abweisend vor. Meine Lehrerin hieß Frau Recker und war für mich in jeder Beziehung ein Vorbild. Ich bewunderte ihren großen ‚Tüt’ auf dem Kopf, ihre engen Röcke und die hochhackigen Schuhe. Meine vorherrschenden Gefühle in der Grundschulzeit waren Angst, Scham und Panik. Angstgefühle wie: Was kommt jetzt? Was muss ich tun? Kann ich das? Werde ich versagen? Schamgefühle, wenn die Kinder lachten, weil ich ein komisches Wort benutzt hatte, weil ich in der Ecke stehen musste, weil Frau Recker mit dem Lineal auf meine Fingerspitzen schlug, weil sie schimpfte, wenn ich kein kleines „b“ schreiben konnte, weil wir mit kurzen Hosen turnen mussten. Panik, wenn wir Kopfrechnen übten, egal, ob unsere Lehrerin die Kette mit bunten Holzkugeln in verschiedenen Formen und Farben hervorholte, deren Sinn mir bis heute verschlossen blieb, oder wir im Wettbewerb gegeneinander antreten mussten, indem sich fünf Schüler in den Bankreihen hinten aufzustellen hatten und bei jeder richtigen Antwort eine Bank nach vorne gehen durften. Wie schrecklich, wenn ich noch hinten stand, während die anderen schon vorgerückt waren! Welche Erleichterung, wenn ich durch eine richtige Antwort nachrücken durfte, welch absolut große Erleichterung, wenn ich gar nicht erst dran genommen wurde. Ich konnte vor Panik überhaupt nicht mehr rechnen, wenn ich noch hinten stand. Nicht ganz so schlimm war folgende Rechenfolter: Die gesamte Klasse musste aufstehen. Derjenige, der am lautesten und schnellstem die richtige Antwort brüllte, durfte sich setzen. Dabei scheiterte ich häufig, weil ich nicht so laut schreien mochte. Hatte ich es geschafft, mich einigermaßen frühzeitig zu setzen, überkam mich eine große Freude und Erleichterung. Die Stunde war gerettet! Noch ein wichtiges Gefühl war Sorge und Anstrengung. Sorge, es allen recht zu machen, besonders der Lehrerin; Anstrengung, alles richtig und schön zu machen ohne zu Versagen, ohne Fehler zu machen. Gingen wir auf dem Flur in die Turnhalle oder auf den Pausenhof, mussten wir uns zu zweit in einer Reihe aufstellen und auf Kommando losgehen. Sollten wir dabei sehr leise sein, mussten wir unseren Zeigefinger auf den Mund legen. Auch in der Klasse kam dies häufiger vor: Hände gefaltet, Ellenbogen auf dem Pult, Finger auf dem Mund zum Verschließen desselben –Sprechverbot. Das Diktat Nr. 6, in einem kleinen Heft mit schwarzem Umschlag, dreizeiligen Linien und Bleistift geschrieben, lautete: Zwei Gärten, ein Dach, zwei Mäntel, ein Kamm, zwei Wälder, ein Stall. Frau Recker schrieb darunter in roter Schrift: 0 Fehler und so fein geschrieben! Dann kam die Unterschrift meiner Mutter. Auf einer anderen Seite steht: Kohl, Harke, Gartenschnur, Köbe, Wasser. Vater und Werner – und hier hat Petra mit Werner geschwatzt! Recker stand darunter mit der Unterschrift meiner Mutter. Köbe war rot unterstrichen.  


Buchliste: Petra Gebhardt