Später schrieben wir:

 

WIE DIE BREMER DIE BÜRGERWEIDE BEKAMEN

 

Einmal ritt die Gräfin Emma mit ihrem Schwager durch ihre Wiesen. Da kamen Bremer Bürger zu ihr und baten um etwas Land für ihr Vieh. „Ihr sollt soviel haben, wie ein Mann in einer Stunde umgehen kann“, sagte die Gräfin. Der böse Schwager, der das Land einmal erben wollte, sagte: „Warum sagst du nicht gleich in einem Tag?" „Gut, dein Wort soll gelten", antwortete die Gräfin. Da wurde der Schwager noch ärgerlicher, und er suchte einen Krüppel aus, der nun den ganzen Tag über die Wiesen kroch. Am Abend hatte er doch ein großes Stück Land für die Bremer gewonnen. Es war die Bürgerweide. Der Krüppel aber ist noch heute zwischen den Füßen des Rolands zu sehen.

 

Meine beste und einzige Freundin hieß Rosemarie, genannt Rosi. Sie hieß nicht nur so, sondern sah auch so aus: klein, zart, Sommersprossen überall, karottenrotes lockiges Haar. Ihr Äußeres trügte allerdings, denn sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Wir passten gut zusammen; ich schüchtern, zurückhaltend und ängstlich, sie frech und forsch. Zusammen verließen wir das hohe alte Schulgebäude, machten unsere Pferdeschwänze auf und schüttelten unsere langen Mähnen. Das war verboten. Zuhause behaupteten wir, dass die Haarspangen aufgegangen seien. Wir fanden uns aufregend und um Jahre gealtert. Unser Weg führte an einem Kiosk vorbei. Dort kauften wir ein Tütchen Brausepulver für fünf Pfennig, steckten den Zeigefinger in den Mund, tauchten ihn in das Brausepulver und leckten ihn ab. Wir kauften häufig Salmiakpastillen, klebten sie mit Spucke zu einem Stern auf den Handrücken und leckten auch daran. Vor Kesselring & Co trennten sich unsere Wege. Rosi ging weiter zu einem Wohnblock aus Rotstein in der Nähe, wo sie wohnte. Ich betrat das Büro meiner Mutter, die dort in einem Geschäft für Elektrogeräte als Buchhalterin arbeitete. Mama saß in einem Büro mit zwei Kollegen. An einem runden Tisch in einer Ecke erledigte ich meine Schularbeiten. In der Küche nebenan machte Mama uns manchmal etwas zu essen. Es ging sehr gemütlich zu in dieser Firma. Später spielte ich mit Rosi oder ging nach Hause, wo meine Oma war. Der Weg führte erst vorbei an Wohnblocks, dann kamen Einzelhäuser, freies Feld und ein „Plünschenheini“, wie wir den Schrotthändler nannten. Sein Gelände betraten wir häufiger, um dort leere Flaschen, Metallstücke, die gewogen wurden oder Lumpen abzugeben. Dafür bekamen wir einige Groschen. Der Plünschenheini fuhr auch mit Pferd und Wagen durch die Straßen und rief in einem einprägsamen Singsang: „Knoken, Plünn, Oldisen!“ Zuhause bei den Großeltern wurde pünktlich um 18 Uhr warm gegessen, wenn Opa von der Arbeit nach Hause gekommen war. Wenn wir zu spät kamen, wurden wir ausgeschimpft. Da wir keine Armbanduhr besaßen, mussten wir die Zeit gut abschätzen und fragten häufiger irgendwelche Leute nach der Uhrzeit. Eine andere unumstößliche Regel besagte: „Wenn die Straßenlaternen angehen, seid ihr zu Hause!“ Da mussten wir dann ordentlich rennen, wenn wir weiter weg waren und es schon dämmerte.


Buchliste: Petra Gebhardt