Die Eltern und Großeltern besuchten Onkel Max, einen Bruder von Opa, der auch in Bremen wohnte. Sein Sohn heißt Hermann. Der ältere Sohn war beim Spielen auf ein Fensterbrett gestiegen und hinuntergestürzt. Zum Glück konnte er gerettet werden; litt danach aber an Epilepsie. Einmal, als er im Krankenhaus war – der Grund ist mir nicht mehr bekannt – kam er vor Entlassung in die Badewanne und wurde dort von der Krankenschwester allein gelassen. Er ertrank im Wasser bei einem epileptischen Anfall.

 

Nach dem Kaffeetrinken, wobei es für Rixa und mich etwas langweilig zuging, da die Verwandten über Dinge sprachen, die wir nicht verstanden, und Kinder zu schweigen hatten, wenn Erwachsene sprachen, wollten wir Fernsehen. Wir wussten gar nicht, was Fernsehen ist und konnten uns nichts darunter vorstellen, da es für uns bis jetzt nur Vorlesen und Radio gegeben hatte. Der Kasten wurde angestellt, nachdem alle auf dem Sofa Platz genommen hatten. Es wurde ein Fußballspiel gezeigt. Rixa und ich saßen auf dem Teppich, schauten eine Weile die bewegten Bilder an und begannen uns nach kurzer Zeit schon wieder zu langweilen. Das Geschrei, das Gejubel und Gestöhne der Großen konnten wir nicht verstehen. Wir rutschten unruhig hin und her, drängelten uns auf Mamas Schoß und fragten immer wieder: „Wann ist das denn endlich zu Ende?“ Dann verzogen wir uns in die Küche. Die Zeit wollte nicht vergehen. Wir brachten Bierflaschen ins Wohnzimmer und leerten Aschenbecher, froh, etwas zu tun zu haben. Endlich war das Spiel vorbei. Wir konnten aufatmen. Unsere Pause war aber nur von kurzer Dauer, denn nun wurde uns etwas viel Besseres auf dem Bildschirm angekündigt. Und richtig, jetzt gab es Frauen und Männer zu sehen, die sprachen und sangen. Wir bewunderten schöne Kleider und die Kulissen im Hintergrund. Fasziniert schauten wir auf das Fernsehgerät und versuchten die Handlung der Oper zu verstehen. Soviel begriffen wir – es war eine Liebesgeschichte. Als aber die armen Frauen im Verließ angekettet wurden und sich singend und schluchzend nach ihren Liebsten sehnten, da begannen auch wir ganz schrecklich zu weinen, hielten uns die Ohren und Augen zu, wurden auf den Schoß genommen und getröstet. Alles half nicht. Wir waren außer uns und konnten erst wieder in der Küche mit einem Glas Sinalco beruhigt werden. Vorsichtig öffneten wir ab und zu die Wohnzimmertür und fragten, ob die Sendung endlich zu Ende sei. Als es dann soweit war, sagten wir, völlig verheult: „Wir wollen lieber wieder Fußball sehen. Der ist wenigstens nicht so schrecklich!“ Das war ‚Die Entführung aus dem Serail’ und unser erstes Fernseherlebnis. Bis heute schaue ich weder Fußball noch Opern im Fernsehen an.

 

 

Mit Onkel Harro, der Ehemann von Mamas Cousine aus Hamburg gingen wir ins Kino. Es gab den Zeichentrickfilm von Walt Disney „Susi und Strolch“. Wir machten es uns in den Kinosesseln bequem und genossen den Film bis zur dramatischen Wende, bei der Strolch von Hundefängern in einem Käfig eingesperrt und in einem Kastenwagen abtransportiert wurde. Susi lief verzweifelt hinterher, und Rixa und ich schluchzten verzweifelt auf. Je mehr sich die Lebenssituation für Susi und Strolch verschlechterte und je weniger eine Rettung in Sicht kam, desto lauter weinten wir, was sich allmählich zu einem haltlosen Gebrüll steigerte. Mamas Taschentuch war schon völlig durchnässt, und die anderen Zuschauer begannen zu schimpfen und zu meutern, so dass Mama mit uns das Kino verlassen musste. Onkel Harro sagte: „So was habe ich noch nie erlebt. Mit euch gehe ich bestimmt nicht mehr ins Kino.“


Buchliste: Petra Gebhardt