Anfangs schliefen wir noch häufig bei Oma und Opa, aber als wir älter wurden, wollten wir doch lieber in unserem neuen Zuhause in der Vahr sein. Rixa ging auf das Gymnasium „Am Barkhof“ in der Bremer Innenstadt, nachdem sie erst mal durch die Aufnahmeprüfung gefallen war. Nach Protest meines Vaters und Wiederholung hatte sie aber doch noch bestanden.

Nun war ich wieder oft bei Oma und Opa allein und fuhr abends mit den Eltern in unser neues Haus zurück. Inzwischen besaßen wir wieder ein Auto. Es war ein DKW. Die Autofahrten morgens zur Schule waren für mich nervenaufreibend. Ich wollte immer sehr pünktlich sein und möglichst eine halbe Stunde vor dem Unterricht auf dem Schulhof stehen. Meine Eltern nahmen das nicht so genau. Dann musste noch dies gemacht werden, dann war das vergessen worden. Ich drängelte. Saßen wir dann endlich im Auto gab es einen Stau, und ich war den Tränen nahe und bekam Bauchschmerzen. Meine Schwester machte sich über mich lustig und ärgerte mich. Mein Martyrium nahm ein Ende als ich ein Jahr später auch auf das Barkhof-Gymnasium kam und den sechs Kilometer langen Schulweg mit dem Fahrrad fuhr.

Das Jahr davor aber war Rixa ständig am Nachmittag allein zu Hause und fühlte sich sehr einsam. Sie rief ihre Mutter häufig in der Firma Kesselring an, bis Mama ihr das verbot, da sie zu arbeiten hatte. In der Vahr, wo wir jetzt wohnten, hatten wir keine Freunde. Die alten Freunde waren weit entfernt, Mama und Papa arbeiteten, und Oma und Opa waren auch nicht mehr zu erreichen. Das war eine harte Zeit für uns. Rixa und ich verbündeten uns immer stärker. Wir machten das Haus für Mama schön und fuhren gegen Abend mit unseren Rollschuhen gemeinsam und zur Straßenbahnhaltestelle, die wir immer wieder und wieder umrundeten, bis Mama endlich von der Arbeit kam. Die Zeit verging langsam, da wir Mama herbei sehnten und jedes Mal enttäuscht waren, wenn sie nicht aus der Straßenbahn stieg. Endlich war sie da! Wir freuten uns auf sie, nahmen ihr die Taschen ab und hakten uns rechts und links in ihre Arme ein. Wir drei hielten fest zusammen, denn Papa arbeitete inzwischen in Plettenberg im Sauerland. Warum Papa seinen guten Arbeitsplatz beim Bremer Weser Kurier aufgab, weiß ich nicht, aber Mama meinte später, dass mein Vater sich nicht hätte anpassen können und sich mit anderen (Arbeitskollegen, Vorgesetzten?) gestritten hätte. Er könne auch in politischen Dingen nicht seinen Mund halten. Vielleicht war es auch sein Alkoholproblem, das dazu führte, dass er weiter weg von uns ging. Mama sagte, er hätte am Monatsende häufig seinen Gehalt versoffen und wäre dann drei Tage nicht nach Hause gekommen. In unserem neuen Zuhause haben sich die Eltern häufig gestritten. Wir waren inzwischen alt genug, um das mitzukriegen. So waren wir froh, als Papa ins Sauerland ging, da nun endlich Frieden zu Hause herrschte. Wir hatten unsere Mutter für uns allein und machten es uns gemütlich.


Buchliste: Petra Gebhardt