Unser Klassenlehrer war ein gutmütiger, weltfremder älterer Herr, der es sich nicht nehmen ließ, bei seinen neuen Schülern einen Antrittsbesuch zu Hause zu machen. Er wollte sehen, aus welchem Stall die Kinder kamen. So saß er mit meinen Eltern im Wohnzimmer bei Schnittchen und Tee und unterhielt sich bestens mit ihnen über verschiedene Reisen. Dabei beschrieb er anschaulich, wie er Quallen durch ein Sieb rührte und die Zellen und Vermehrungsfähigkeit dieser Tiere erforschte. Er war unser Biologielehrer, der unseren Unterricht folgendermaßen gestaltete: Im Biologieraum, vor ausgestopften Eulen und Hasen, erhielt jeder Schüler ein in Leder gebundenes Besteck, das aus diversen scharfen Messern, Pinzetten und Spießen bestand. Mit diesen Teilen sollten wir fein säuberlich einige Blätter sezieren, die wir von zu Hause mitbringen mussten. Alles sollte in ein Heft aufgezeichnet werden und zur Belohnung hätten wir dann die Einzelteile unter dem Mikroskop betrachten dürfen. Doch soweit kam es nicht. Das Auseinandernehmen der Blätter zog sich von Woche zu Woche hin, da wir ihm nie akkurat genug, fein genug vorgingen. Er wurde hier und da ungehalten, wir langweilten uns tödlich, und dann wurde unser Lehrer krank, der sich doch einige Mühe um uns gegeben hatte. Der Blättersezierkurs brach ab, und wir hatten keinen Klassenlehrer mehr.

 

Gerade die Universität beendet, übernahm uns eine junge Studienrätin namens Schwertfeger. Ihr Name ließ nichts Gutes ahnen. Sie unterrichtete Englisch und Französisch und hatte dabei ihre spezielle Methode. Montags stellte sie uns die Vokabeln einer neuen Lektion in der jeweiligen Sprache vor. Bei den Hausaufgaben mussten wir diese dann abschreiben und lernen. Am nächsten Tag mussten wir die Lektion abschreiben und lesen üben. Dann erklärte sie uns die dazu passende Grammatik mit Übungen. Am Ende der Woche mussten wir die ganze Lektion auswendig lernen. Am Anfang quälte ich mich Nachmittage lang, um ein paar Sätze in einer Fremdsprache meinem Gehirn einzuprägen. Ich verzweifelte und glaubte, es nie zu schaffen. Mit zunehmender Länge der Texte aber, gelang das Auswendiglernen immer schneller und sicherer. Dass ich dadurch Sprachen gut gelernt hätte, kann ich nicht behaupten, aber auf alle Fälle lernte ich das Lernen und Auswendiglernen. Dieser harte Drill sollte nun gute Früchte hervorbringen, doch Fräulein Schwertfeger erlitt einen Nervenzusammenbruch, nachdem zwei Klassenarbeiten auch bei der zweiten Wiederholung nicht gewertet werden konnten, weil über die Hälfte der Klasse nur ein Ungenügend erreichte. Unsere Lehrerin fehlte längere Zeit, und wir bekamen Vertretungsunterricht. Ich saß hinten in der letzten Reihe, in der die Tische in einer durchgehenden langen Linie von Wand zu Wand reichten. Auf diesen ließ ich mein kleines mitgebrachtes Spielzeugauto entlang sausen, bis ein anderer Schüler es zu mir zurück schickte. Dieser Zeitvertreib wurde vorne auf dem Katheder gar nicht bemerkt. Dort saß der ehemalige, jetzt pensionierte Schuldirektor, der für unsere Klassenlehrerin eingesprungen war. Betrat er den Raum, mussten wir aufspringen und im Chor grüßen. Danach ging es in der Regel einigermaßen gemütlich, aber langweilig durch die Stunde. Einmal gab es allerdings einen riesigen Skandal. Als der Direktor an seinem Pult Platz genommen hatte, begannen einige Schüler zu kichern. Er stand auf und sah am Rande des Podestes einen Kackhaufen liegen. Nach ungläubigen Betrachten desselben begann er zu brüllen: „ Wer war das? Wer hat diese Schweinerei gemacht. Das ist ja eine unglaubliche Frechheit. So etwas ist mir in vierzig Dienstjahren noch nicht passiert.“ Als er nicht eruieren konnte, wer diese Untat beging: „ Wer ist der Primus hier? Hole Papier und entferne dieses stinkende Etwas!“ Der Schüler griff mit der bloßen Hand nach der geruchlosen Gummiattrappe und entfernte sie. Damit war die Affäre aber nicht beendet. Der Ex-Direktor holte den amtierenden Direktor, der Schulrat sollte verständigt und die Eltern herbestellt werden. Unser kleiner Spaß mit dem Plastikteil war humorlos aufgenommen worden. Unser Ersatzlehrer kam nicht wieder. Er weigerte sich, uns weiterhin zu unterrichten.


Buchliste: Petra Gebhardt