Außer Schularbeiten machen hatten wir noch eine andere Pflicht, eine selbstauferlegte, das war Klavierüben. Lange mussten wir die Eltern überreden, uns Klavierunterricht zu bezahlen. Sie waren erst dazu bereit, nachdem uns die Großeltern ein Klavier gekauft hatten. So wurden wir an der Jugendmusikschule angemeldet. Fortan stritten wir uns darum, wer von uns beiden nach dem Mittagessen zuerst eine Stunde Klavier üben durfte. Tonleitern, Fingerübungen und kleine Stücke von Mozart oder Schumann wurden unermüdlich von uns wiederholt. Wir hatten Ergeiz und wollten möglichst bald unsere Freundinnen einholen, die schon jahrelang, von den Eltern erzwungen oder erwartet, Klavierunterricht erteilt bekamen. Dies ist uns auch nach ungefähr zwei Jahren gelungen, was uns mit Befriedigung erfüllte und beweist, wie viel man erreichen kann, wenn man es nur stark genug will. In der Schule bekam ich nun, als ich mein erstes selbstkomponiertes Stückchen vorspielte, zum ersten Mal eine zwei in Musik. Diejenigen Schüler, die kein Instrument spielen konnten, mussten zur Zensurengebung vor der ganzen Klasse ein Lied singen. Das war für mich eine Tortur gewesen und ging jedes Mal schief. Musik war hinfort eine Entspannungsstunde in der Schule. Dasselbe galt für Kunst und Deutsch. Sport dagegen hassten wir. Ich kannte kein Mädchen, das Sportunterricht liebte. Das Geräteturnen in der Halle im Winter ging ja noch, obwohl wir da auch zu oft unsere „Tage“ hatten, was man unkontrolliert einfach behaupten konnte, uns vom Sport befreien ließen und lieber auf der Bank saßen und zuschauten. Leichtathletik im Sommer aber war mir ein Graus. Bälle werfen, die nicht weit von mir auf die Erde plumpsten, um die Wette rennen oder in eine Sandkiste springen fand ich sinnlos und unnütz. Dafür konnte ich keinen Ehrgeiz entwickeln. Schon Tage vor dem großen Sommersportfest fühlte ich mich schlecht und mir fiel ein Stein vom Herzen, wenn es wegen Regen ausfiel.


Buchliste: Petra Gebhardt