Rixa und ich waren nicht nur unzertrennlich und ein Herz und eine Seele, wir konnten uns auch schrecklich streiten. Während meine ältere Schwester das Messer wetzte, indem sie mich mit Worten bis aufs Blut verletzte, versuchte ich mich zu wehren und stand dabei schon mal mit der Schere an der offenen Schranktür, hielt ihr bestes Kleid in der Hand und drohte es zu zerschneiden, wenn sie nicht tat, was ich wollte oder sie nicht aufhörte, mich zu ärgern. Es kam auch gelegentlich vor, dass wir uns im Streit kratzten, bissen oder schlugen. In solchen Fällen holte der Unterlegene Mama zu Hilfe und machte sie zu seinem Verbündeten. Es kam aber auch die Konstellation vor, dass wir Geschwister uns gegen Mama verschworen und fest gegen sie zusammen hielten, wenn wir mit ihr Krach hatten. Nach Streit und Tränen und einer kurzen Zeit, in der man mit sich und der Welt uneins war, kam es dann wieder zur Versöhnung mit Wiedergutmachung, Küsschen und Umarmung. Hatten wir uns vor dem Schlafengehen noch nicht wieder vertragen, lagen wir beide in unseren Betten und konnten nicht einschlafen, bis einer von uns sagte: „ Wollen wir uns wieder vertragen?“ Dann zögerte der andere nicht lange, wir schlüpften gemeinsam unter eine Decke und konnten miteinander reden, quatschen und tratschen bis wir müde waren und beruhigt einschliefen Unsere Eltern besaßen viele Bücher, und Papa versuchte unseren Lesegeschmack zu beeinflussen, indem er uns Bücher empfahl. Nachdem ich keine Lust mehr hatte, Pony- und Mädchengeschichten zu lesen, gab mir Papa, als ich zwölf Jahre alt war, das Buch „Liebe und Tod auf Bali“. Das war kein Roman, sondern eher eine Beschreibung der Lebensumstände der Einwohner von Bali. Mein erstes Erwachsenenbuch hat mich trotzdem beeindruckt, aber bei weitem nicht so, wie das Buch, das ich etwas später las. Es war „ Vom Winde verweht “. Als ich darin das erste Mal las, fühlte ich mich wie im Fieber, wie in Trance. In der Schule dachte ich nur an das Gelesene und wie es wohl weiter gehen möge. Konnte ich endlich nach Hause fahren, meine Lektüre herbei sehnend, musste ich zu meinem Leid erst noch essen. Dabei sprach ich wenig. Dann verbrachte ich den Rest des Tages mit Lesen. Wollten Mama oder Rixa etwas von mir, reagierte ich unwirsch und las weiter bis ich nach einigen Tagen das Buch beendet hatte. Da fühlte ich mich leer, traurig und wusste nicht mehr, was ich mit mir anfangen sollte. Es war, als erwachte ich aus einem Traum und müsste mich in meiner realen Welt erst wieder zurechtfinden. Wir durften alles bis auf Groschenromane und Zeitschriften wie die „Bravo“ lesen. Das war verboten, aber natürlich haben wir doch heimlich Jerry Cotton Romane verschlungen, fanden sie dann aber schnell langweilig.


Buchliste: Petra Gebhardt