Zum Geburtstag bekam ich Bücher geschenkt wie „Jan Himp und die kleine Brise“ von Hans Leip oder „Reinhard Flemmings Abenteuer“ von Heinrich Seidel, welches am Steinhuder Meer spielt und in dem längere Passagen auf Plattdeutsch vorkommen. Das gefiel mir nicht, weil ich es kaum verstand. Dagegen gut gefallen hat mir die „Die rote Zora und ihre Bande’ von Kurt Held, weil endlich mal ein Mädchen die Hauptperson und Heldin war und alle Jungen besiegte.

Die Jungen wurden auch in meinem Leben zunehmend interessanter, aber leider war kein Held in Sicht. Ich schrieb mein Tagebuch voll mit Briefen an meinen Traummann, den ich albern als Lieber Mr. X, Mon petit ami, Lugubres geliebtes Geschöpf oder als Meine größte Erfüllung anredete. Unterschrieben waren diese Briefe mit Deine Hexe, Deine sprudelnde Quelle oder Deine Dich liebende Herrin .Ich beschrieb, wie mein Zukünftiger auszusehen hätte, sogar seine Kleidung stellte ich mir im Detail vor. Ich erzählte ihm, was ich ihm kochen würde, welchen Beruf er haben solle, wie unser Haus konstruiert sein werde, dass unsere Hochzeitsreise nach Sibirien ginge, wir uns einen Oldtimerwagen kaufen müssten und natürlich, wie er mich verführen würde. Die Realität sah allerdings trist aus. Die Jungs in meiner Klasse waren mit 14 Jahren für mich uninteressant. Ich fand sie klein, albern und langweilig und konnte mir mit ihnen keine Liebesszene vorstellen. Für die Jungs aus den höheren Klassen waren wir uninteressant. Für sie waren wir kleine Mädchen. Dafür bekam ich jetzt eine neue gute Freundin. Sie hieß Bettina, ging davor in Rixas Klasse und war sitzengeblieben. Zusammen gingen wir in die achte Klasse und versuchten, die Männerwelt zu erobern. Unser Lebensbild war geprägt von kitschig romantischen Liebesgeschichten, von heiler Familie und der Gattung Männer, von dem wir unbedingt einen besitzen wollten. Wir stritten uns heftig über Religion. Unsere Freunde waren christlich erzogen, gaben sich gläubig oder taten wenigstens so. In unserer Familie gab es nur Atheisten. Oma war aus der katholischen Kirche ausgetreten und wetterte über alle Männer in schwarzer Kutte. Papa erzählte uns, dass im Namen der Religion unzählige Menschen durch Kriege umgekommen waren, Frauen als Hexen verbrannt worden waren, andere Völker unterjocht, beraubt und gefoltert worden sind und noch werden. Wir waren nicht getauft, nahmen nicht am Religionsunterricht in der Schule teil und erfuhren herzlich wenig über die Bibel. Dass aber die Frau aus einer Rippe Adams gemacht worden sei, empörte uns schon damals. Welche verlogene Altenherrenriege wollte uns das einreden?

 

Morgens trafen Bettina und ich uns auf halbem Wege an einer Kaserne. Schon aus der Ferne sah ich sie, wie sie auf ihrem Fahrrad saß, sich mit einer Hand am Gitterzaun festhielt und auf mich wartete. Wir fuhren nebeneinander in Richtung Schule. Aus den vielen Fenstern der Kaserne brüllten uns die Soldaten hinterher, was wir stolz ignorierten, welches uns aber doch freute, da es zeigte, dass uns junge Männer endlich bemerkten. Begannen die Schulpausen, stürmten wir auf die Toiletten, um unsere Frisur zu richten und saßen danach auf den Bänken, die auf dem Schulhof standen. Dort versammelten sich die Mädchen, ließen sich vom anderen Geschlecht betrachten und taxierten ihrerseits die Jungen. Die Pausen waren nun der wichtigste Teil der Schulzeit. Mittags fuhren Bettina und ich zusammen nach Hause, Rixa war auch häufig dabei, und so radelten wir zu dritt nebeneinander auf dem Radweg, damit wir uns besser unterhalten konnten. Die sechs Kilometer Heimweg unterbrachen wir an einem Kiosk bei der Kurfürstenallee, wo Bettina von ihrem reichlich bemessenen Taschengeld einen Block Nougat oder andere Süßigkeiten kaufte, die sie immer schwesterlich mit uns teilte. Am Nachmittag führten wir stundenlange Telefongespräche, die nur eine Einheit kosteten, meinen Vater aber trotzdem ärgerten, da das Telefon ständig besetzt war. An anderen Nachmittagen gingen wir zusammen in die Stadt und kauften ein. Wir wollten Stoff für Nachthemden besorgen, denn eine Klassenreise stand bevor. Zuerst tranken wir einen Hawai-Shake, aßen eine Bratwurst und ein Eibrötchen. Dabei hatten wir die Idee, uns eine Flasche Eierlikör und Sprudel zu kaufen, davon einen „weiblichen Drink“ zu mixen und abends in der Jugendherberge im Bett einen zu heben. Wir stellten uns vor, dass die anderen Mädchen uns doof finden würden und freuten uns darüber. Alles bereitete uns Vergnügen und wir kicherten ununterbrochen und gerieten in eine immer größere Albernheit. Nun ging es in die Stoffabteilung von Karstadt. Ich stellte mir ein traumhaftes Nachthemd aus rotem Flatterstoff vor, der wallend bis zu meinen Füßen fallen sollte und von zwei dünnen Trägern gehalten würde. Damit wollten wir uns nachts auf den Fluren bewegen und uns besonders vor den Jungstüren aufhalten, um sie damit in Verzückung zu versetzen. Bettina meinte dann aber, der Stoff sei zu durchsichtig, redete eine Stunde auf mich ein, währenddessen der Verkäufer ziemlich unruhig wurde. Endlich hatte sie mich mit ihrer reellen Veranlagung überzeugt, und wir erwarben einen langweiligen hellblauen Stoff mit Blümchen. Auf der Klassenreise gab es dann weder Eierlikör, noch verführte Jungen, sondern Wandern, Besichtigen und abendliches Antreten vor den Etagenbetten mit ausgestreckten Händen. Fräulein Schwertfeger kontrollierte, ob unsere Fingernägel auch sauber seien und bewachte die Flure mit Argusaugen. Jeglicher Kontakt zum anderen Geschlecht war untersagt.


Buchliste: Petra Gebhardt