Der Vater meiner Mutter wurde als siebtes Kind von den zehn Nachkommen geboren und lernte Buchdrucker.

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges war er arbeitslos, ging auf Wanderschaft durch Deutschland und arbeitete dabei in verschiedenen Buchdruckereien in Westerland, Schleswig, Darmstadt und Essen. Er ging zu Fuß, um Leute, Land, Kirchen und Theater kennen zulernen und bekam Wandergeld vom Buchdruckerverband. Am 1. Mai in Essen wartete er 1922 unter dem Schild „Deutsche Buchdrucker“ auf den Gewerkschaftsumzug, als er seine spätere Frau Elisabeth zum ersten Mal sah. Er reihte sich in die Verbandsgruppe ein und unterhielt sich mit ihr. Sie arbeiteten dann zusammen in der Buchdruckerei Giradet und er fand heraus, dass mit ihr „gut Kirschen essen war“. So führte eine Tüte voll reifer schwarzer Kirschen, die die beiden verliebt auf der Straße verzehrten, zur Hochzeit am 14. Juni 1924. Davor mussten sie noch einige Hindernisse überwinden.

Meine Großmutter hatte sehr volles dickes Haar, das sie damals in einem Zopf bis zu den Hüften trug. Sie war die Älteste von vier Kindern, und da ihre Mutter früh gestorben war, musste sie ihre jüngeren Geschwister und den Haushalt versorgen. Ihre Mutter Line Catherine Roland wurde am 25. November 1878 in Angerburg/Ostpreußen geboren und heiratete den katholischen Heinrich Theodor Vogt (25. Mai 1875 / Essen). Er war von Beruf Zimmermann und soll, wie man sich in der Familie erzählte, alles verspielt haben. Ihre vier Kinder hießen Elisabeth (2. November 1901), Wilhelmine, Arthur und Oskar. Der Zimmermann Vogt war sehr gegen die Heirat meiner Großmutter, weil er sie als Ersatzmutter für seine Kinder nicht verlieren wollte. Er rückte die nötigen Papiere für die Hochzeit nicht heraus. Essen war damals unter französischer Besatzung und die allgemeinen Lebensumstände gestalteten sich für meine Großeltern schwierig. So fuhren sie in die Auswanderstadt Bremen, mit dem Ziel, nach Ecuador auszuwandern. Dort stand mein Großvater in Verhandlungen mit etwaigen Arbeitgebern. Von denen wurde er gefragt, wie er sich im Falle eines Streikes verhalten würde, und als er antwortete, er stände auf der Seite der Arbeiter, wurde das Arbeitsangebot zurückgezogen. Doch er bekam Arbeit in einer Bremer Aktiendruckerei. Auch Elisabeth fand Arbeit in einer Druckerei, und endlich kamen die Heiratspapiere aus Essen an. Also wurde am 14. Juni 1924 geheiratet. Da war meine Mutter schon am 4. April 24 geboren worden. Möglicherweise wurden meine Großeltern auch durch den Nachwuchs am Auswandern gehindert. Meine Oma erzählte uns immer und immer wieder wie arm sie damals waren. „Sie hätten rein gar nichts gehabt“. Der Tisch sei eine Apfelsinenkiste gewesen und sie hätten nur einen Teller, eine Gabel, ein Messer und einen Löffel besessen. Ich glaube, diese Instrumente habe ich später noch in der Küche meiner Großmutter gesehen. Sie waren ganz leicht, aus Blech, fleckig und rau, und meine Schwester und ich wollten sie nur ungern in den Mund stecken. Mein Opa machte dann seine Meisterprüfung, gab Bildungskurse für junge Buchdrucker und war erster Vorsitzender im Gesangsverein „Gutenberg“.

 

Im zweiten Weltkrieg war er als Sanitäter in Russland. Dort war er mit Pferd und Wagen unterwegs. Er liebte seine Tiere und lobte die kleinen Panjepferde der Russen. Er erzählte uns, dass im Winter der Berg aus Schiete im Plumpsklo bis an den Hintern hoch wuchs, natürlich tiefgefroren.

 

 


Buchliste: Petra Gebhardt