Ihr Wunsch nach einem eigenen Haus mit Gemüsegarten hatte sich erfüllt und wurde 1945 durch Bomben wieder restlos zerstört.

Meine Oma rettete die verschütteten Hühner, die leblos auf dem Boden lagen, indem sie Erde aus ihren Schnäbeln pulte, sie zwischen zwei Ziegelsteine setzte und ihnen Wasser einflößte bis sie wieder zu sich kamen. Meine Mama und ihre Mutter lebten unter den Trümmern ihres Hauses, immer einen Hammer neben sich, weil sie Angst vor Überfällen hatten. Als mein Großvater im August 1945 nach Hause kam, bauten sie gemeinsam das Haus wieder auf. Es war zweistöckig und schmal, hatte einen Vorgarten und links die Haustür, daneben einen schönen Fenstererker. Rechts ging man einen Gang am Haus entlang auf den Hinterhof, auf dem ein großer Birnbaum stand. Dort konnte man durch die Waschküche, in der auch die Toilette lag, die Küche meiner Großeltern betreten. Ging man weiter, kam man auf einen Flur, von dem eine Holztreppe nach oben führte, wo später meine Eltern, meine Schwester und ich wohnten. Von dem Hof gingen wir vorbei an Blumenrabatten und einem Holzhaus, das nach der Bombenzerstörung als Unterkunft gebaut worden war. Dann kamen die Klärgrube und danach ein langer Gemüsegarten mit Stachelbeerbüschen und Obstbäumen. Später in den 50iger Jahren baute mein Opa am Ende dieses Gartens eine Garage für seinen ersten „Käfer“.

Mein Großvater soll, wie man sich erzählt, sehr lustig gewesen sein. An einem Silvesterabend gingen er, seine Frau und ein paar Verwandte und Bekannte aus. Meine Großmutter, die nie Alkohol trank, nahm an diesem Abend etwas Bowle zu sich. Die ganze Truppe wollte nun mit der Straßenbahn nach Hause fahren und stand in einem dichten Gedränge. Sie wurden gerade in die Bahn geschoben, als meiner Großmutter schlecht wurde. Keiner konnte vor oder zurück, und so erbrach sie sich in den Praliné eines vor ihr stehenden Herrn. Dessen Frau rückte nach und wunderte sich wiederholt über den Gestank in ihrer Umgebung. „Wie riecht das hier man bloß?“ fragte sie und sah alle Umstehenden argwöhnisch an. Meine Großmutter hielt ein Taschentuch vor ihren Mund und sah stur auf den Boden. Beim Aussteigen sprach der Schaffner meinen Großvater an und verlangte drei Mark für die Verschmutzung der Straßenbahnstufen. „Was?“ sagte Opa. „Das bisschen! Das pinkle ich doch im Nu weg!“

 

Nach dem Krieg nahm mein Großvater jede Arbeit an, zum Beispiel als Krankenpfleger in einem städtischen Krankenhaus und als Linoleumleger. Mein Opa hatte 1924 seine Meisterprüfung gemacht und war dann von 1950-65 in der Berufsschule für das grafische Gewerbe angestellt, gehörte zum Prüfungsausschuss der Handwerkskammer für die Gehilfen und Meisterprüfung. Er bekam einen Lehrauftrag an der Kunstschule in Bremen. 1965 ging er in Pension. Er war immer Gewerkschaftsmitglied gewesen.


Buchliste: Petra Gebhardt