Rixa saß auf dem Schulhof mit ihren Freundinnen auf der langen Bank, als ein Junge aus ihrer Parallelklasse zu ihr kam und sie fragte, ob ich ihre Schwester sei und wenn ja sie mich in seinem Namen zu seiner Party einladen könnte. Ich stiefelte inzwischen mit meinen neuen weißen und wadenhohen Stiefeln, in kurzem Röckchen und taillierter Jacke aus kleinkariertem Stoff über den Schulhof und sonnte mich im Anblick meiner Verehrer.

Mit orangeroten Frotteepullovern bekleidet zogen wir vier durch die Stadt, gingen abends auf einer großen Bauernhausdiele Walzer und Foxtrott tanzen, sahen im Kino die „Reifeprüfung“ oder saßen im Bürgerpark und den Wallanlagen die Bänke blank. Dort wurde heftig geschmust und auch in manchen Lokalen, aus denen wir dann hinaus geworfen wurden. Papa wachte streng über unsere Tugend, indem wir wochentags um 22 Uhr zu Hause sein mussten und am Wochenende um 24 Uhr. Er meinte zwar auch, dass wir „es“ zu jeder Tageszeit und fast überall tun könnten, aber er wolle sich nicht strafbar machen wegen des „Kuppelparagraphens“. Einerseits sprach er wohl aus Erfahrung, doch andererseits war die Begründung reine Heuchelei. Ich kam jedenfalls pünktlich nach Hause und tat „es“ das erste Mal, als Klaus mit einer Erkältung krank im Bett lag, ich ihn in seinem Zimmer am Nachmittag besuchte, und seine Mutter gerade einkaufen war. Die ganze Angelegenheit war schon sehr aufregend, aber bemerkenswert war vor allem, dass ich danach sofort mit Bettina ein stundenlanges Gespräch führen musste, um dieses Ereignis ausführlich zu besprechen.

 

Papa wachte auch noch über unsere politische Bildung: Bei der Tagesschau durfte kein Wort gesprochen werden, sonst gab es ein Donnerwetter. Apodiktisch verlangte er, dass wir erst ein politisches Magazin wie „Panorama“ anschauten, bevor wir unsere Lieblingsserie „Schirm, Charme und Melone“ ansehen durften. Er erzählte uns, die Bundesrepublik befände sich immer noch im Kriegszustand, da es 25 Jahre nach Kriegsende noch keinen Friedensvertrag gäbe, und dass die USA unser Land okkupiert hätten. Unsere Regierung könne nichts entscheiden ohne die Zustimmung Amerikas. Die BRD wäre ein Vasallenstaat der USA. Über die Wiederbewaffnung und Aufrüstung hatten sich unsere Eltern schrecklich aufgeregt, Adenauer konnten sie nicht leiden, er wäre mitverantwortlich für die Teilung Deutschlands, da er jede versöhnende Hand aus dem Osten zurück gewiesen hätte. Sie freuten sich, dass wir endlich politisch aktiv wurden, indem wir an einem Sitzstreik auf den Straßenbahnschienen teilnahmen, weil in Bremen die Fahrkartenpreise erhöht werden sollten. Zuhause mündete jeder gesellige Abend in eine heiße politische Debatte. Ansonsten enttäuschten wir die Eltern, da wir kein gesteigertes politisches Engagement zeigten. Wir schauten lieber die Fernsehsendung „Musikladen“ von Radio Bremen, in der wir zum ersten Mal ganz aufgeregt die „Beatles“ sahen.

Ich bekam einen Babysitterjob in einer Familie mit fünf Kindern. Diesen Job übernahm ich von Bettina, die ihn nicht weiter machen wollte aus Gründen, die ich erst später erfuhr. Am späten Nachmittag begann meine Arbeit in dem geräumigen Reihenhaus mit Äpfelschälen oder Hemdenbügeln.

In die Zweieridylle von Klaus und mir brach ein Unwetter herein. Wir stritten uns heftig, weil ein Freund von ihm meinte, er würde sich wie ein Pantoffelheld benehmen. Daraufhin hatte er keine Zeit mehr für mich.

Rixa, Uwe und Klaus waren mit ihrem Abitur beschäftigt, und ich blieb sitzen. Das feierten wir vier mit Galgenhumor im Ratskeller.

Oma und Opa waren nach ihrer Pensionierung nach Hollen in ihr früheres Wochenendhaus gezogen.

Nun mussten noch meine Eltern alles erfahren. Das übernahm Klaus.

Als wir endlich unseren Polterabend feierten, war ich schon im fünften Monat schwanger.