Der Gemüsegarten war meinen Großeltern heilig. Akkurat waren die Beete in der dunkelbraunen Erde abgestochen. Überall gab es gerade Wege. Die mit einem Bindfaden und Pflock gezogen wurden, eine glatte Erdkante hatten, und auf denen kein Blättchen Unkraut zu sehen war. Wir Kinder durften auf gar keinen Fall die Wege verlassen oder die Beete betreten. Wir hätten ja eine Pflanze zertreten können. Ich liebte am meisten den kleinen Sauerkirschbaum, unter dem ich oft saß und naschte und die Stachelbeersträucher, von denen ich am liebsten die unreifen Beeren aß. Dann sagte Oma immer: „Pass’ auf, du wirst schreckliche Bauchschmerzen bekommen.“ Ich bekam nie Bauchschmerzen. Andere Sprüche von ihr mochte ich auch nicht, zum Beispiel: „Das tut man nicht!“ – „Was sollen die Leute sagen!“ – „Mach’ einen Knicks und gib das liebe Händchen.“ Oma und Opa waren für uns mehr Eltern als Großeltern. Sie haben uns zum großen Teil erzogen; wir aßen mit ihnen die Mahlzeiten, die Oma kochte, und sie achtete auch auf unsere Hausaufgaben und unterschrieb sie bei Bedarf.

Rixa, meine große Schwester musste immer auf mich aufpassen, obwohl sie doch nur zehn Monate älter ist als ich. Sie wurde ein Jahr vor mir eingeschult. In diesem Jahr habe ich mich schrecklich gelangweilt ohne sie. Eines Tages ging unser Vater mit uns auf einen Spielplatz. Dort machte Rixa die Affenschaukel an einem Metallpilz, hing mit den Knien in den Schlaufen und ließ Kopf und Arme nach unten baumeln. Gerade rief sie: „Papa, guck’ mal, was ich kann!“, als sie auch schon die Beine locker ließ und kopfüber in den Sand fiel. Mein Vater konnte gar nicht so schnell reagieren. Er lief herbei und hob sie auf. Sie hatte sich den rechten Arm gebrochen. Das war fatal, weil man in der ersten Klasse Schreiben auf einer Schiefertafel mit einem Griffel lernte. Meine Eltern schenkten ihr besondere Aufmerksamkeit und übten täglich mit ihr, nachdem der Gips entfernt worden war, damit sie das Versäumte nachhole. Also konnte sie auch nachmittags nicht mit mir spielen.

Mit fünf Jahren erkrankte ich an Scharlach. Ich wurde mit dem Krankenwagen in ein Krankenhaus gebracht. Das erste Mal war ich von zu Hause weg. In einem großen hohen Bett angeschnallt bekam ich zweimal täglich Penicillinspritzen in die Oberschenkel gestochen, machte nachts ins Bett, wurde dafür angeschrieen und konnte meine Eltern nur durch eine große Scheibe sehen. Das Krankenhaus kam mir wie ein Gefängnis vor. Die Schwestern hatten keine Zeit und sechs Wochen erschienen mir wie eine Ewigkeit. Am Tag der Erlösung wurde ich in einer großen Badewanne gebadet und mit einem Krankenwagen nach Hause gefahren. Inzwischen war unsere Wohnung entseucht worden. Mama, Papa und Rixa waren leider nicht zu Hause. Ich ging in den Garten. Da baute Opa ganz hinten seine Garage für seinen „Käfer“. Ich durfte zu ihm auf das Dach steigen und mir alles ansehen.

An meinen ersten Schultag kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich dort in der Schule „Petra“ nannte und nicht mehr wie sonst immer „Peti“. Das kam mir bedrohlich und abweisend vor. Meine Lehrerin hieß Frau Recker und war für mich in jeder Beziehung ein Vorbild. Ich bewunderte ihren großen ‚Tüt’ auf dem Kopf, ihre engen Röcke und die hochhackigen Schuhe. Meine vorherrschenden Gefühle in der Grundschulzeit waren Angst, Scham und Panik. Angstgefühle wie: Was kommt jetzt? Was muss ich tun? Kann ich das? Werde ich versagen? Schamgefühle, wenn die Kinder lachten, weil ich ein komisches Wort benutzt hatte, weil ich in der Ecke stehen musste, weil Frau Recker mit dem Lineal auf meine Fingerspitzen schlug, weil sie schimpfte, wenn ich kein kleines „b“ schreiben konnte, weil wir mit kurzen Hosen turnen mussten. Panik, wenn wir Kopfrechnen übten, egal, ob unsere Lehrerin die Kette mit bunten Holzkugeln in verschiedenen Formen und Farben hervorholte, deren Sinn mir bis heute verschlossen blieb, oder wir im Wettbewerb gegeneinander antreten mussten, indem sich fünf Schüler in den Bankreihen hinten aufzustellen hatten und bei jeder richtigen Antwort eine Bank nach vorne gehen durften. Wie schrecklich, wenn ich noch hinten stand, während die anderen schon vorgerückt waren! Welche Erleichterung, wenn ich durch eine richtige Antwort nachrücken durfte, welch absolut große Erleichterung, wenn ich gar nicht erst dran genommen wurde. Ich konnte vor Panik überhaupt nicht mehr rechnen, wenn ich noch hinten stand. Nicht ganz so schlimm war folgende Rechenfolter: Die gesamte Klasse musste aufstehen. Derjenige, der am lautesten und schnellstem die richtige Antwort brüllte, durfte sich setzen. Dabei scheiterte ich häufig, weil ich nicht so laut schreien mochte. Hatte ich es geschafft, mich einigermaßen frühzeitig zu setzen, überkam mich eine große Freude und Erleichterung. Die Stunde war gerettet! Noch ein wichtiges Gefühl war Sorge und Anstrengung. Sorge, es allen recht zu machen, besonders der Lehrerin; Anstrengung, alles richtig und schön zu machen ohne zu Versagen, ohne Fehler zu machen. Gingen wir auf dem Flur in die Turnhalle oder auf den Pausenhof, mussten wir uns zu zweit in einer Reihe aufstellen und auf Kommando losgehen. Sollten wir dabei sehr leise sein, mussten wir unseren Zeigefinger auf den Mund legen. Auch in der Klasse kam dies häufiger vor: Hände gefaltet, Ellenbogen auf dem Pult, Finger auf dem Mund zum Verschließen desselben –Sprechverbot. Das Diktat Nr. 6, in einem kleinen Heft mit schwarzem Umschlag, dreizeiligen Linien und Bleistift geschrieben, lautete: Zwei Gärten, ein Dach, zwei Mäntel, ein Kamm, zwei Wälder, ein Stall. Frau Recker schrieb darunter in roter Schrift: 0 Fehler und so fein geschrieben! Dann kam die Unterschrift meiner Mutter. Auf einer anderen Seite steht: Kohl, Harke, Gartenschnur, Köbe, Wasser. Vater und Werner – und hier hat Petra mit Werner geschwatzt! Recker stand darunter mit der Unterschrift meiner Mutter. Köbe war rot unterstrichen.  

Später schrieben wir:

 

WIE DIE BREMER DIE BÜRGERWEIDE BEKAMEN

 

Einmal ritt die Gräfin Emma mit ihrem Schwager durch ihre Wiesen. Da kamen Bremer Bürger zu ihr und baten um etwas Land für ihr Vieh. „Ihr sollt soviel haben, wie ein Mann in einer Stunde umgehen kann“, sagte die Gräfin. Der böse Schwager, der das Land einmal erben wollte, sagte: „Warum sagst du nicht gleich in einem Tag?" „Gut, dein Wort soll gelten", antwortete die Gräfin. Da wurde der Schwager noch ärgerlicher, und er suchte einen Krüppel aus, der nun den ganzen Tag über die Wiesen kroch. Am Abend hatte er doch ein großes Stück Land für die Bremer gewonnen. Es war die Bürgerweide. Der Krüppel aber ist noch heute zwischen den Füßen des Rolands zu sehen.

 

Meine beste und einzige Freundin hieß Rosemarie, genannt Rosi. Sie hieß nicht nur so, sondern sah auch so aus: klein, zart, Sommersprossen überall, karottenrotes lockiges Haar. Ihr Äußeres trügte allerdings, denn sie hatte es faustdick hinter den Ohren. Wir passten gut zusammen; ich schüchtern, zurückhaltend und ängstlich, sie frech und forsch. Zusammen verließen wir das hohe alte Schulgebäude, machten unsere Pferdeschwänze auf und schüttelten unsere langen Mähnen. Das war verboten. Zuhause behaupteten wir, dass die Haarspangen aufgegangen seien. Wir fanden uns aufregend und um Jahre gealtert. Unser Weg führte an einem Kiosk vorbei. Dort kauften wir ein Tütchen Brausepulver für fünf Pfennig, steckten den Zeigefinger in den Mund, tauchten ihn in das Brausepulver und leckten ihn ab. Wir kauften häufig Salmiakpastillen, klebten sie mit Spucke zu einem Stern auf den Handrücken und leckten auch daran. Vor Kesselring & Co trennten sich unsere Wege. Rosi ging weiter zu einem Wohnblock aus Rotstein in der Nähe, wo sie wohnte. Ich betrat das Büro meiner Mutter, die dort in einem Geschäft für Elektrogeräte als Buchhalterin arbeitete. Mama saß in einem Büro mit zwei Kollegen. An einem runden Tisch in einer Ecke erledigte ich meine Schularbeiten. In der Küche nebenan machte Mama uns manchmal etwas zu essen. Es ging sehr gemütlich zu in dieser Firma. Später spielte ich mit Rosi oder ging nach Hause, wo meine Oma war. Der Weg führte erst vorbei an Wohnblocks, dann kamen Einzelhäuser, freies Feld und ein „Plünschenheini“, wie wir den Schrotthändler nannten. Sein Gelände betraten wir häufiger, um dort leere Flaschen, Metallstücke, die gewogen wurden oder Lumpen abzugeben. Dafür bekamen wir einige Groschen. Der Plünschenheini fuhr auch mit Pferd und Wagen durch die Straßen und rief in einem einprägsamen Singsang: „Knoken, Plünn, Oldisen!“ Zuhause bei den Großeltern wurde pünktlich um 18 Uhr warm gegessen, wenn Opa von der Arbeit nach Hause gekommen war. Wenn wir zu spät kamen, wurden wir ausgeschimpft. Da wir keine Armbanduhr besaßen, mussten wir die Zeit gut abschätzen und fragten häufiger irgendwelche Leute nach der Uhrzeit. Eine andere unumstößliche Regel besagte: „Wenn die Straßenlaternen angehen, seid ihr zu Hause!“ Da mussten wir dann ordentlich rennen, wenn wir weiter weg waren und es schon dämmerte.

Die Eltern und Großeltern besuchten Onkel Max, einen Bruder von Opa, der auch in Bremen wohnte. Sein Sohn heißt Hermann. Der ältere Sohn war beim Spielen auf ein Fensterbrett gestiegen und hinuntergestürzt. Zum Glück konnte er gerettet werden; litt danach aber an Epilepsie. Einmal, als er im Krankenhaus war – der Grund ist mir nicht mehr bekannt – kam er vor Entlassung in die Badewanne und wurde dort von der Krankenschwester allein gelassen. Er ertrank im Wasser bei einem epileptischen Anfall.

 

Nach dem Kaffeetrinken, wobei es für Rixa und mich etwas langweilig zuging, da die Verwandten über Dinge sprachen, die wir nicht verstanden, und Kinder zu schweigen hatten, wenn Erwachsene sprachen, wollten wir Fernsehen. Wir wussten gar nicht, was Fernsehen ist und konnten uns nichts darunter vorstellen, da es für uns bis jetzt nur Vorlesen und Radio gegeben hatte. Der Kasten wurde angestellt, nachdem alle auf dem Sofa Platz genommen hatten. Es wurde ein Fußballspiel gezeigt. Rixa und ich saßen auf dem Teppich, schauten eine Weile die bewegten Bilder an und begannen uns nach kurzer Zeit schon wieder zu langweilen. Das Geschrei, das Gejubel und Gestöhne der Großen konnten wir nicht verstehen. Wir rutschten unruhig hin und her, drängelten uns auf Mamas Schoß und fragten immer wieder: „Wann ist das denn endlich zu Ende?“ Dann verzogen wir uns in die Küche. Die Zeit wollte nicht vergehen. Wir brachten Bierflaschen ins Wohnzimmer und leerten Aschenbecher, froh, etwas zu tun zu haben. Endlich war das Spiel vorbei. Wir konnten aufatmen. Unsere Pause war aber nur von kurzer Dauer, denn nun wurde uns etwas viel Besseres auf dem Bildschirm angekündigt. Und richtig, jetzt gab es Frauen und Männer zu sehen, die sprachen und sangen. Wir bewunderten schöne Kleider und die Kulissen im Hintergrund. Fasziniert schauten wir auf das Fernsehgerät und versuchten die Handlung der Oper zu verstehen. Soviel begriffen wir – es war eine Liebesgeschichte. Als aber die armen Frauen im Verließ angekettet wurden und sich singend und schluchzend nach ihren Liebsten sehnten, da begannen auch wir ganz schrecklich zu weinen, hielten uns die Ohren und Augen zu, wurden auf den Schoß genommen und getröstet. Alles half nicht. Wir waren außer uns und konnten erst wieder in der Küche mit einem Glas Sinalco beruhigt werden. Vorsichtig öffneten wir ab und zu die Wohnzimmertür und fragten, ob die Sendung endlich zu Ende sei. Als es dann soweit war, sagten wir, völlig verheult: „Wir wollen lieber wieder Fußball sehen. Der ist wenigstens nicht so schrecklich!“ Das war ‚Die Entführung aus dem Serail’ und unser erstes Fernseherlebnis. Bis heute schaue ich weder Fußball noch Opern im Fernsehen an.

 

 

Mit Onkel Harro, der Ehemann von Mamas Cousine aus Hamburg gingen wir ins Kino. Es gab den Zeichentrickfilm von Walt Disney „Susi und Strolch“. Wir machten es uns in den Kinosesseln bequem und genossen den Film bis zur dramatischen Wende, bei der Strolch von Hundefängern in einem Käfig eingesperrt und in einem Kastenwagen abtransportiert wurde. Susi lief verzweifelt hinterher, und Rixa und ich schluchzten verzweifelt auf. Je mehr sich die Lebenssituation für Susi und Strolch verschlechterte und je weniger eine Rettung in Sicht kam, desto lauter weinten wir, was sich allmählich zu einem haltlosen Gebrüll steigerte. Mamas Taschentuch war schon völlig durchnässt, und die anderen Zuschauer begannen zu schimpfen und zu meutern, so dass Mama mit uns das Kino verlassen musste. Onkel Harro sagte: „So was habe ich noch nie erlebt. Mit euch gehe ich bestimmt nicht mehr ins Kino.“

Opa Gehl, der Vater von Papa, erkrankte an Magenkrebs und kam ins Krankenhaus, als wir gerade Urlaub in Dänemark machten. Ich kann mich gar nicht an ihn erinnern, denn er starb kurze Zeit darauf. „Andere Oma“, so nannten wir unsere Großmutter väterlicherseits, war jetzt allein, erlitt einen Schlaganfall und wurde etwas tüdelig. So nahmen sie die Eltern von Mama in der Seewenjewstraße auf, nachdem wir ausgezogen waren. Sie bauten das obere Stockwerk aus, indem sie den Balkon zum Esszimmer machten, und erstmalig bekam das Haus ein Badezimmer mit Duschkabine. Das untere Stockwerk wurde vermietet. Oma kümmerte sich um „Andere Oma“ bis zu ihrem Tod, obwohl sie in die Hose machte und sich beim Essen bekleckerte.

Spätestens in der vierten Klasse begannen wir uns für Jungen zu interessieren. Ich als ziemlich gute Schülerin verguckte mich in den schlechtesten Schüler, der außerdem auch noch einen üblen Ruf hatte – Helmut. Rosi bemühte sich, uns zu verkuppeln. Sie schrieb kleine Briefchen und arrangierte Rendezvous’. Bei einem dieser Treffen gingen wir in unseren Garten und spielten in dem kleinen Hühnerhäuschen, das jetzt unser Spielhaus war, "Vater, Mutter und Kind". Ich war die Mutter, Helmut der Vater, Rosi das Kind. Bei dieser Gelegenheit sperrte uns Rosi in das Häuschen ein und verlangte, dass wie uns küssten. Uns beiden war das schrecklich peinlich; wir wussten nicht, was wir jetzt machen sollten und beschlossen, da Rosi nicht nachgab, einfach zu behaupten, wir hätten uns geküsst.

 

Rosi und ich besaßen jeder ein Schatzkästchen. Das waren kleine Blechdosen oder Zigarrenkästen, die wir mit bunten Wollflusen, von unseren Pullovern abgezupft, füllten. Außerdem taten wir schöne Steine, Glasmarmeln oder Knöpfe hinein und vergruben alles höchst geheimnisvoll in der Erde. Auf dem Schulhof stellten wir uns unter einen großen Baum, sahen hinauf ins dichte Blätterwerk, stellten uns vor, dort oben zu wohnen und dachten uns Geschichten aus. Mit neun Jahren brachte ich mir selbst das Schwimmen im „Wallerseebad“ bei. Bei schönem Wetter gingen wir alleine zu diesem Schwimmbad, das man heute als Naturbad bezeichnen würde. Der Boden bestand aus schlammiger Erde, das Wasser sah pechschwarz aus. Zuerst tat ich immer so, als könne ich schwimmen, indem ich einen Zeh auf den Boden hielt und mit den Armen Schwimmbewegungen machte. „Guck’ mal, Rixa, ich kann schwimmen!“ rief ich. Aber meine Schwester glaubte mir nicht. Durch stetiges Wiederholen und Üben gelangen mir endlich einige Schwimmzüge ohne Hilfe des Fußes. Nun ging es unaufhaltsam voran, Meter um Meter steigerte ich meine Schwimmdauer und konnte bald die Freischwimmerprüfung wagen, die daraus bestand, dass man eine Viertel- stunde ununterbrochen schwamm und vom Ein-Meter-Brett sprang. Jetzt konnte ich die hölzerne Wand, die das Nichtschwimmerbecken vom tiefen Wasser trennte, überwinden.

Eines Tages kam mein Vater mit einem Auto vorgefahren. Das war eine große Aufregung in der Seewenjestraße. Wir machten Ausflüge nach Vegesack mit unserem „Hansa“, der von Borgward in Bremen gebaut wurde. In den engen abschüssigen Straßen soff der Wagen ab. Mama musste aussteigen, einen Lappen an den Vergaser halten, und Papa versuchte, erneut zu starten. Das Auto fuhr an, Papa gab Gas, Mama rannte hinter uns her. Endlich hielt Papa bei laufendem Motor an. „Beeil’ dich, sonst ist er wieder weg!“ rief er. Ganz aus der Puste sprang Mama hinein. Papa fuhr an. Völlig verschreckt hörten wir ein großes Geschepper. Die Tür, die sich nach vorne zur Fahrtrichtung öffnete, war nicht richtig geschlossen gewesen und beim Anfahren gegen die Bordsteinkante geschlagen. Sie hing nur noch locker in einer Türangel. Die Scheibe war zerbrochen. Andere Oma hatte in die Hose gepinkelt. Papa schrie und schimpfte laut durch die Gegend und gab Mama die Schuld. Sie hätte besser aufpassen sollen. Mama bekam immer die Schuld. Die Tür wurde notdürftig mit Bindfaden festgebunden. Der Kopf von andere Oma ragte durch dieses Schnürengewirr. Wir fuhren in gedrückter Stimmung nach Hause.

 

Einmal machten wir mit unserem „Hansa“ Urlaub im Teutoburger Wald. Die Fahrt von Bremen gestaltete sich erst problemlos bis wir in die Nähe des SPD Wohnheimes kamen. Nach einer Kurve begann Papa einen etwas steileren Berg hinauf zu fahren. Das Auto wurde bedenklich langsam, kam zum Stehen und rollte dann rückwärts bergab. Mein Vater konnte nichts dagegen tun. Rixa und ich waren starr vor Angst und begannen zu weinen, während meine Eltern sich stritten. Papa versuchte es ein zweites Mal – ohne Erfolg. Wir rollten wieder bergab. Nun stiegen wir aus und gingen zu Fuß hinauf, während Mama und zwei hilfsbereite Menschen den „Hansa“ nach oben schoben. Unsere Ferienunterkunft war erreicht. Das Gebäue war neu erbaut und modern eingerichtet im Stil der 50iger Jahre: eine offene Steintreppe mit Metallgeländer in der Halle, Nierentische, Schalensessel und Tulpenlampen. Die Eltern trafen dort viele Genossen und Freunde, diskutierten und gingen auf Versammlungen. Wir Kinder fühlten uns von allen geliebt und umsorgt. Es wurden lange Wanderungen zum Hermannsdenkmal gemacht. Auf dem Rückweg stellte sich Rixa auf jeden größeren Stein, reckte ihren Arm mit einem Stock in die Höhe und rief: „Ich bin Hermann!“ Papa hatte die Angewohnheit uns bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit zu unterrichten. Im Teutoburger Wald wurden wir über die Römer und die Varusschlacht belehrt. Er referierte über Geschichte und Erdkunde und verbesserte jedes Wort und jeden Satz, den wir falsch sprachen. Wir mussten ihn zweimal richtig wiederholen. Das war ein sehr schöner, aber auch sein einziger Beitrag zu unserer Erziehung. Wir hielten uns mehr an unsere Mutter. Mama war unsere Liebste und Beste. Sie schmuste mit uns, nahm uns in die Arme, tröstete uns, gab uns Essen und Kleider, pflegte uns, wenn wir krank waren, sprach mit unseren Lehrern, schimpfte uns aus, lobte uns, gab uns Ratschläge, machte Vorschriften, gab uns einen Klaps, spielte mit uns. Sie hatte das Sagen und die Autorität. Papa neigte zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Vor ihm hatten wir ein wenig Angst. Er war uns fremd.

Der „Hansa“ wurde verkauft. Als die Leute, die ihn gekauft hatten, damit wegfahren wollten und starteten, fiel der Auspuff herunter. Mama hob ihn schnell auf und versteckte ihn hinter ihrem Rücken, und das Auto fuhr laut röhrend die Straße entlang. Wir bekamen nun einen silbernen VW Käfer. Im Sommer machten wir Urlaub in Dänemark. Alle Welt fuhr damals nach Italien, keiner nach Dänemark. Wir wollten zelten und nahmen Oma und Opa mit. Um zwei Zelte, Campingausrüstung, Betten, vier Erwachsene und zwei Kinder zu befördern, wurde die Rücksitzbank aus dem Käfer ausgebaut. Wir saßen hinten zu viert auf den Zelten und Bettdecken. Der Rest wurde auf dem Dachgepäckträger verstaut. So ging die Fahrt los, ganz früh am Morgen. Opa sang „Hoch auf dem gelben Wagen“. Wir sangen mit. Bei Glückstadt überquerten wir die Elbe mit der Fähre. Die Elbe ist dort breit, die Fahrt über das Wasser dauerte lange und war eine willkommene Abwechslung. Danach quetschten wir uns wieder ins Auto, fuhren bei Tondern über die Grenze und schlugen unsere Zelte an der Ostsee auf. Wo es uns gefiel, blieben wir ein paar Tage und machten uns dann wieder auf den Weg. Wie zelteten auf Privatgrundstücken, auf Wiesen oder auf kleinen Campingplätzen. In der Regel waren wir die einzigen Ausländer. Eines Tages ging Mama in eine Schlachterei und wollte Bratwurst kaufen. Der Schlachter wollte sie zuerst nicht bedienen und fragte dann alle im Laden anwesenden Dänen, ob sie die Bratwurst möchten. Erst als keiner sie wollte, gab er sie meiner Mutter. Wir hörten später, dass sein Sohn im Krieg von den Deutschen getötet worden war.

An einen Ort erinnere ich mich genau. Unsere Zelte standen auf dem weißen Sand am Ostseestrand. Bäume spendeten Schatten. Ein kleines Wäldchen führte hinter uns bergauf zu einer Wiese mit braunweißen Kühen. Das war das erste, was uns in Dänemark aufgefallen war: Die Kühe waren nicht schwarz-weiß, sondern braun-weiß. Der Strand führte lange flach ins Meer. Das Wasser war klar. Wir sahen kleine geringelte Sandhaufen auf dem Grund, spielten mit Quallen, die wir durch unser Sandkastensieb rührten und liefen zu der nahen Mole. Dort kletterten wir auf den Steinen herum und fingen Krebse. Papa kaufte frischen Fisch von den Kuttern. Einmal brachte er grünen Aal mit. Der war so dick wie ein Unterarm, musste in Stücke gehackt werden, damit er in die Bratpfanne passte und fing dort beim Braten an zu hüpfen, so dass Mama und Oma erschrocken zurück zuckten. Rixa und ich wollten nichts davon essen. „Der lebt ja noch“, sagte ich. Wir gingen lieber ins nahe Dorf. Eine seitliche Außentreppe führte in eine Bäckerei. Dort gab es herrlichen Kranzkuchen, aber wir liebten besonders die kleinen weißen und rosafarbenen Baisers. Wir hatten ein paar dänische Wörter gelernt und trauten uns allein in diesen Laden. Schlagsahne kauften wir dort auch häufiger. Meine Mutter hatte in den mageren Kriegsjahren immer von Schlagsahne und Butter aus Dänemark geträumt. Nun waren diese Träume wahr geworden.

 

Papas Käfer wurde auch bald wieder verkauft, denn meine Eltern brauchten die 3000 Mark, die sie dafür bekamen, für die Anzahlung eines Reihenhauses.