Ein halbes Jahr ist für Kinder eine lange Zeit. Als unsere Schwester geboren wurde, hatten wir uns wieder beruhigt. Wir fuhren mit Oma, Opa und Papa in die Ferien nach Holland. Am weißen Strand von Ameland zelteten wir. Mama musste in Bremen bleiben, da die Geburt bevor stand. Sie machte an langen Abenden die Buchführung ihrer Firma zu Hause und litt eines Nachts unter starken Rückenschmerzen. Nach einiger Zeit wurde ihr klar, dass das Wehen waren, und sie rief einen Krankenwagen. Der kam und kam nicht. Mama ging mit ihrer Tasche nach draußen und sah den Rot-Kreuz-Wagen ganz hinten in der Straße wenden und wegfahren. Sie winkte, rief laut und rannte hinter dem Auto her. Endlich wurde sie bemerkt. Das Baby hatte es dann ganz eilig, was ja immerhin von Vorteil ist. Papa fuhr nach Bremen zurück und war mit Mutter und Kind nach sieben Tagen wieder bei uns auf Ameland. Da es windig und kalt war, stillte Mama das Baby im Auto. Wir hatten unsere Mutter sehr vermisst, aber nun hatte sie auch kaum Zeit für uns. Zum Glück waren ja Oma und Opa da. Unsere Schwester wurde Anja von Ameland genannt.

 

Mama hörte auf zu arbeiten und kümmerte sich um Anja. Papa war noch im Sauerland beschäftigt. Er kehrte erst 1964 nach Bremen zurück und begann für die Bremer Nachrichten zu schreiben. Wir hatten uns damit abgefunden, auf unseren Dackelwelpen verzichten zu müssen und trösteten uns mit diversen anderen Tieren. Ein Spatzenbaby, welches aus seinem Nest gefallen war, nackt mit einem riesigen Schnabel, setzten wir in ein Osterkörbchen mit grüner Graswolle, besorgten lebende Mehlwürmer und fütterten das Vögelchen mit einer Pinzette. Es gedieh recht gut, bis zu dem Unglücksmorgen, als wir unseren Spatz tot auf den Fußbodenplatten fanden, weil das Körbchen in der Nacht umgekippt war. Schildkröten besaßen wir häufiger. Sie kamen aber fatalerweise oft abhanden, da wir ihnen etwas Gutes tun wollten, sie aus ihrem Gehege befreiten und im Garten frei grasen ließen. Regelmäßig unterschätzen wir die Geschwindigkeit, mit der sie sich fortbewegen konnten, so dass die ganze Nachbarschaft nach ihnen abgesucht werden musste, oftmals ohne Erfolg. Verschiedene Vögel besaßen wir so lange, bis ein kleines, buntes Finkenpärchen durch unsere Schuld tragisch zu Tode kam. Es war Weihnachten mit vielen Aufregungen und Feiern. Mama dachte, wir hätten die Vögel gefüttert, und wir dachten, sie hätte sich um die Tiere gekümmert. Nach dem dritten Tag lagen sie verhungert in ihrem Käfig. Eines Tages rief Papa an, er würde einen Bericht über ein Bauprojekt schreiben und jetzt gerade hätte ein Bagger bei der Besichtigung der Baustelle ein Hasennest freigelegt. Wir eilten hin und retteten ein Hasenbaby, indem wir es mit nach Hause nahmen und es in einen Käfig steckten. Dieser hatte auf der Oberseite eine verschließbare Öffnung, durch die wir das Futter hineinreichten. Bei so einer Gelegenheit versuchte der Hase, der schon fast erwachsen war, seine Freiheit wiederzuerlangen. Ich packte ihn noch am Bein, aber er zappelte heftig und stieß ganz unglaubliche Schreie aus. So ließ ich ihn los. Sein weiteres Leben hat er wohl auf der Pferderennbahn verbracht.  

Die Großeltern hatten ein Wochenendhaus am Silbersee gekauft, das zwischen Bremen und Bremerhaven lag, in der Nähe von Bederkesa. Dort verbrachten wir die kleinen Ferien und freien Tage. Ich war damals 14 Jahre alt, begann Tagebuch zu schreiben und fand nichts interessanter als das Liebesleben. Kurz zuvor hatten Rixa und ich tagelang mit Lego gespielt, indem wir aus Häusern Städte bauten und dies alles auf einer Tafel drapierten. Hinzu kamen Bäume, kleine Autos und Gummipuppen, mit denen wir Alltagsleben und dramatische Situationen spielten. Zwei Dinge ärgerten uns. Einmal, dass unsere Puppe ein liegendes Baby war, was natürlich nicht richtig laufen konnte und zum zweiten, dass die Legodächer ständig einbrachen. Es gab noch keine speziellen Dachsteine. Die Tafel mit den Häusern und aufgemalten Straßen stellten wir abends weg, und spielten am nächsten Tag die Geschichte weiter bis sie uns langweilte. Seit einiger Zeit aber begann Rixa, alle Szenen zu veralbern. Das machte mich wütend, und ich konnte nicht verstehen, warum wir nicht mehr zusammen spielen konnten. Ich vergaß, dass sie zehn Monate älter ist als ich. Eine andere Szene, die wir mit Begeisterung spielten, bestand darin, unsere Puppen zu baden und zu salben und dann entdeckten wir eine Krankheit und das Puppenbaby musste zum Arzt. Dort wurde es geröntgt. Dazu steckten wir es in Mamas Wäschetrommel, schlossen die Badezimmertür und machten ganz schnell das Licht an und aus. Das erweckte den Eindruck von Blitzen. So stellten wir uns Röntgen vor. Bei den Puppenspielen waren wir manchmal ganz schön rabiat. Die armen Kleinen wurden geschlagen oder mit dem Puppenwagen umgestoßen, damit etwas Spannung in das Spiel kam, und wir sie hinterher umso mehr Liebhalten konnten.

Unser Fernsehkonsum beschränkte sich auf die Filme Lassie und Fury. Beide Filme begannen immer so nett mit friedlichen Familienszenen, aber im weiteren Verlauf schlug die Stimmung um. Der Held geriet in Not, Lassie oder Fury eilten zur Rettung herbei, und die Spannung steigerte sich. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hielt es Rixa und mich nicht mehr auf unseren Sitzen, wir hüpften hinter das Sofa, hielten uns die Ohren zu, kniffen die Augen zusammen und fragten Mama alle paar Augenblicke: „Ist es vorbei? Ist jetzt alles wieder gut?“ Zum Happy End, wenn ein Witz gemacht wurde und alle Schauspieler lachten und in die Kamera grinsten, kamen wir wieder hervor.

 

 

Diese Spiele waren nun alle vorbei, denn nun interessierten uns nur noch unsere Freundinnen und das andere Geschlecht.  

Das Gymnasium Barkhof lag in der Innenstadt von Bremen nahe dem Bürgerpark und der Bürgerweide, wo der berühmte Freimarkt stattfindet. Das alte mehrstöckige Gebäude war schön anzusehen, von Bäumen und Villen sowie Patrizierhäusern umgeben. Das einzige Schandmal war die neuangebaute Turnhalle mit einer Wand aus Glasbausteinen.

Unser Klassenlehrer war ein gutmütiger, weltfremder älterer Herr, der es sich nicht nehmen ließ, bei seinen neuen Schülern einen Antrittsbesuch zu Hause zu machen. Er wollte sehen, aus welchem Stall die Kinder kamen. So saß er mit meinen Eltern im Wohnzimmer bei Schnittchen und Tee und unterhielt sich bestens mit ihnen über verschiedene Reisen. Dabei beschrieb er anschaulich, wie er Quallen durch ein Sieb rührte und die Zellen und Vermehrungsfähigkeit dieser Tiere erforschte. Er war unser Biologielehrer, der unseren Unterricht folgendermaßen gestaltete: Im Biologieraum, vor ausgestopften Eulen und Hasen, erhielt jeder Schüler ein in Leder gebundenes Besteck, das aus diversen scharfen Messern, Pinzetten und Spießen bestand. Mit diesen Teilen sollten wir fein säuberlich einige Blätter sezieren, die wir von zu Hause mitbringen mussten. Alles sollte in ein Heft aufgezeichnet werden und zur Belohnung hätten wir dann die Einzelteile unter dem Mikroskop betrachten dürfen. Doch soweit kam es nicht. Das Auseinandernehmen der Blätter zog sich von Woche zu Woche hin, da wir ihm nie akkurat genug, fein genug vorgingen. Er wurde hier und da ungehalten, wir langweilten uns tödlich, und dann wurde unser Lehrer krank, der sich doch einige Mühe um uns gegeben hatte. Der Blättersezierkurs brach ab, und wir hatten keinen Klassenlehrer mehr.

 

Gerade die Universität beendet, übernahm uns eine junge Studienrätin namens Schwertfeger. Ihr Name ließ nichts Gutes ahnen. Sie unterrichtete Englisch und Französisch und hatte dabei ihre spezielle Methode. Montags stellte sie uns die Vokabeln einer neuen Lektion in der jeweiligen Sprache vor. Bei den Hausaufgaben mussten wir diese dann abschreiben und lernen. Am nächsten Tag mussten wir die Lektion abschreiben und lesen üben. Dann erklärte sie uns die dazu passende Grammatik mit Übungen. Am Ende der Woche mussten wir die ganze Lektion auswendig lernen. Am Anfang quälte ich mich Nachmittage lang, um ein paar Sätze in einer Fremdsprache meinem Gehirn einzuprägen. Ich verzweifelte und glaubte, es nie zu schaffen. Mit zunehmender Länge der Texte aber, gelang das Auswendiglernen immer schneller und sicherer. Dass ich dadurch Sprachen gut gelernt hätte, kann ich nicht behaupten, aber auf alle Fälle lernte ich das Lernen und Auswendiglernen. Dieser harte Drill sollte nun gute Früchte hervorbringen, doch Fräulein Schwertfeger erlitt einen Nervenzusammenbruch, nachdem zwei Klassenarbeiten auch bei der zweiten Wiederholung nicht gewertet werden konnten, weil über die Hälfte der Klasse nur ein Ungenügend erreichte. Unsere Lehrerin fehlte längere Zeit, und wir bekamen Vertretungsunterricht. Ich saß hinten in der letzten Reihe, in der die Tische in einer durchgehenden langen Linie von Wand zu Wand reichten. Auf diesen ließ ich mein kleines mitgebrachtes Spielzeugauto entlang sausen, bis ein anderer Schüler es zu mir zurück schickte. Dieser Zeitvertreib wurde vorne auf dem Katheder gar nicht bemerkt. Dort saß der ehemalige, jetzt pensionierte Schuldirektor, der für unsere Klassenlehrerin eingesprungen war. Betrat er den Raum, mussten wir aufspringen und im Chor grüßen. Danach ging es in der Regel einigermaßen gemütlich, aber langweilig durch die Stunde. Einmal gab es allerdings einen riesigen Skandal. Als der Direktor an seinem Pult Platz genommen hatte, begannen einige Schüler zu kichern. Er stand auf und sah am Rande des Podestes einen Kackhaufen liegen. Nach ungläubigen Betrachten desselben begann er zu brüllen: „ Wer war das? Wer hat diese Schweinerei gemacht. Das ist ja eine unglaubliche Frechheit. So etwas ist mir in vierzig Dienstjahren noch nicht passiert.“ Als er nicht eruieren konnte, wer diese Untat beging: „ Wer ist der Primus hier? Hole Papier und entferne dieses stinkende Etwas!“ Der Schüler griff mit der bloßen Hand nach der geruchlosen Gummiattrappe und entfernte sie. Damit war die Affäre aber nicht beendet. Der Ex-Direktor holte den amtierenden Direktor, der Schulrat sollte verständigt und die Eltern herbestellt werden. Unser kleiner Spaß mit dem Plastikteil war humorlos aufgenommen worden. Unser Ersatzlehrer kam nicht wieder. Er weigerte sich, uns weiterhin zu unterrichten.

Unsere Schule war ursprünglich ein reines Jungengymnasium gewesen, und so waren wir Mädchen immer noch in der Minderzahl und nur geduldet und nicht unbedingt erwünscht. Die Mitschüler kamen zum großen Teil aus der besseren Gesellschaft Bremens. Ein Mädchen stammte aus der Familie Jakobs Kaffee, ein anderes von den Bremer Silberwarenfabriken, da waren Töchter von Ärzten, Rechtsanwälten und Immobilienhaien. Wir stammten nur aus einer unvermögenden, kommunistisch angehauchten Journalistenfamilie, fühlten uns aber keineswegs von den anderen geringschätzig behandelt. Unsere Freundinnen aus den Villen kamen gern in unser kleines Reihenhaus. Wir erfuhren von ihnen, wie man großzügig Geld ausgeben kann ohne Bedenken zu haben, was wir allerdings nie nachahmten; sie erlebten bei uns Gemütlichkeit und Diskussionsfreude.

 

 

Wenn wir aus der Schule kamen, mussten wir erst mal mit Mama in der Küche zu Mittag essen. Danach verzogen Rixa und ich uns in unser gemeinsames Zimmer. Wir bewohnten das ehemalige Elternschlafzimmer, welches größer als das Kinderzimmer war und ein Fenster zum Garten und der Rennbahn hatte. Papa hatte auf eine Wand ein riesengroßes Rhinozeros samt Urwald und Vögeln in bunten Farben gemalt. Leider hatte Mama darauf bestanden, dass dieses wieder weiß übertüncht wurde. Rixa und ich fanden das Gemälde wunderschön. Zwei dunkelgrün bezogene Liegen standen über Eck, eine Zimmerseite nahm ein Kleiderschrank ein, an der anderen Wand standen ein altes, dunkles Klavier und davor ein kleinerer Tisch, darüber ein Bücherregal. An diesem Tisch saßen wir uns gegenüber und machten unsere Hausaufgaben oder taten nur so. Oft hatten wir einen Roman auf den Knien, in dem wir fleißig schmökerten, bis wir Mama hörten. Dann beugten wir uns nach vorne über unsere Schulhefte, das Buch verschwand ungesehen unter dem Tisch. Meistens quasselten wir aber unaufhörlich, unterbrachen, um drei Vokabeln zu lernen oder eine Aufgabe zu rechnen und redeten und redeten. So dauerten unsere Hausaufgaben stundenlang, eigentlich den ganzen restlichen Tag, außer, wir hatten etwas Besseres vor. Schularbeiten machen war unser Alibi, sonst hätten wir Mama beim Abtrocknen oder bei der Gartenarbeit helfen müssen, womöglich hätten wir auch noch Babysitten müssen. Trotzdem war Mama häufig beleidigt, weil wir ihr nicht genug halfen. Sie erwartete einfach, dass wir bemerkten, dass wir es erahnten, wenn sie Hilfe nötig hatte. Verzogen wir uns nach oben, sprach sie nicht mehr mit uns, meckerte rum oder befahl im harschen Ton, ganz nach Laune. Dann kam es zum Streit, der hätte vermieden werden können, wenn sie uns nur ruhig aufgefordert hätte, ihr zur Hand zu gehen. Wir hätten auf alle Fälle getan, worum sie uns bat. Hatten wir uns nicht gestritten, rief sie uns nach einiger Zeit herunter, um mit ihr Kaffee zu trinken. Dabei gab es Kakao, Kuchen, Kekse oder ein aufgeschnittenes Marzipanbrot. Diese süße Unterbrechung liebten wir sehr.

Außer Schularbeiten machen hatten wir noch eine andere Pflicht, eine selbstauferlegte, das war Klavierüben. Lange mussten wir die Eltern überreden, uns Klavierunterricht zu bezahlen. Sie waren erst dazu bereit, nachdem uns die Großeltern ein Klavier gekauft hatten. So wurden wir an der Jugendmusikschule angemeldet. Fortan stritten wir uns darum, wer von uns beiden nach dem Mittagessen zuerst eine Stunde Klavier üben durfte. Tonleitern, Fingerübungen und kleine Stücke von Mozart oder Schumann wurden unermüdlich von uns wiederholt. Wir hatten Ergeiz und wollten möglichst bald unsere Freundinnen einholen, die schon jahrelang, von den Eltern erzwungen oder erwartet, Klavierunterricht erteilt bekamen. Dies ist uns auch nach ungefähr zwei Jahren gelungen, was uns mit Befriedigung erfüllte und beweist, wie viel man erreichen kann, wenn man es nur stark genug will. In der Schule bekam ich nun, als ich mein erstes selbstkomponiertes Stückchen vorspielte, zum ersten Mal eine zwei in Musik. Diejenigen Schüler, die kein Instrument spielen konnten, mussten zur Zensurengebung vor der ganzen Klasse ein Lied singen. Das war für mich eine Tortur gewesen und ging jedes Mal schief. Musik war hinfort eine Entspannungsstunde in der Schule. Dasselbe galt für Kunst und Deutsch. Sport dagegen hassten wir. Ich kannte kein Mädchen, das Sportunterricht liebte. Das Geräteturnen in der Halle im Winter ging ja noch, obwohl wir da auch zu oft unsere „Tage“ hatten, was man unkontrolliert einfach behaupten konnte, uns vom Sport befreien ließen und lieber auf der Bank saßen und zuschauten. Leichtathletik im Sommer aber war mir ein Graus. Bälle werfen, die nicht weit von mir auf die Erde plumpsten, um die Wette rennen oder in eine Sandkiste springen fand ich sinnlos und unnütz. Dafür konnte ich keinen Ehrgeiz entwickeln. Schon Tage vor dem großen Sommersportfest fühlte ich mich schlecht und mir fiel ein Stein vom Herzen, wenn es wegen Regen ausfiel.

Rixa und ich waren nicht nur unzertrennlich und ein Herz und eine Seele, wir konnten uns auch schrecklich streiten. Während meine ältere Schwester das Messer wetzte, indem sie mich mit Worten bis aufs Blut verletzte, versuchte ich mich zu wehren und stand dabei schon mal mit der Schere an der offenen Schranktür, hielt ihr bestes Kleid in der Hand und drohte es zu zerschneiden, wenn sie nicht tat, was ich wollte oder sie nicht aufhörte, mich zu ärgern. Es kam auch gelegentlich vor, dass wir uns im Streit kratzten, bissen oder schlugen. In solchen Fällen holte der Unterlegene Mama zu Hilfe und machte sie zu seinem Verbündeten. Es kam aber auch die Konstellation vor, dass wir Geschwister uns gegen Mama verschworen und fest gegen sie zusammen hielten, wenn wir mit ihr Krach hatten. Nach Streit und Tränen und einer kurzen Zeit, in der man mit sich und der Welt uneins war, kam es dann wieder zur Versöhnung mit Wiedergutmachung, Küsschen und Umarmung. Hatten wir uns vor dem Schlafengehen noch nicht wieder vertragen, lagen wir beide in unseren Betten und konnten nicht einschlafen, bis einer von uns sagte: „ Wollen wir uns wieder vertragen?“ Dann zögerte der andere nicht lange, wir schlüpften gemeinsam unter eine Decke und konnten miteinander reden, quatschen und tratschen bis wir müde waren und beruhigt einschliefen Unsere Eltern besaßen viele Bücher, und Papa versuchte unseren Lesegeschmack zu beeinflussen, indem er uns Bücher empfahl. Nachdem ich keine Lust mehr hatte, Pony- und Mädchengeschichten zu lesen, gab mir Papa, als ich zwölf Jahre alt war, das Buch „Liebe und Tod auf Bali“. Das war kein Roman, sondern eher eine Beschreibung der Lebensumstände der Einwohner von Bali. Mein erstes Erwachsenenbuch hat mich trotzdem beeindruckt, aber bei weitem nicht so, wie das Buch, das ich etwas später las. Es war „ Vom Winde verweht “. Als ich darin das erste Mal las, fühlte ich mich wie im Fieber, wie in Trance. In der Schule dachte ich nur an das Gelesene und wie es wohl weiter gehen möge. Konnte ich endlich nach Hause fahren, meine Lektüre herbei sehnend, musste ich zu meinem Leid erst noch essen. Dabei sprach ich wenig. Dann verbrachte ich den Rest des Tages mit Lesen. Wollten Mama oder Rixa etwas von mir, reagierte ich unwirsch und las weiter bis ich nach einigen Tagen das Buch beendet hatte. Da fühlte ich mich leer, traurig und wusste nicht mehr, was ich mit mir anfangen sollte. Es war, als erwachte ich aus einem Traum und müsste mich in meiner realen Welt erst wieder zurechtfinden. Wir durften alles bis auf Groschenromane und Zeitschriften wie die „Bravo“ lesen. Das war verboten, aber natürlich haben wir doch heimlich Jerry Cotton Romane verschlungen, fanden sie dann aber schnell langweilig.

Zum Geburtstag bekam ich Bücher geschenkt wie „Jan Himp und die kleine Brise“ von Hans Leip oder „Reinhard Flemmings Abenteuer“ von Heinrich Seidel, welches am Steinhuder Meer spielt und in dem längere Passagen auf Plattdeutsch vorkommen. Das gefiel mir nicht, weil ich es kaum verstand. Dagegen gut gefallen hat mir die „Die rote Zora und ihre Bande’ von Kurt Held, weil endlich mal ein Mädchen die Hauptperson und Heldin war und alle Jungen besiegte.

Die Jungen wurden auch in meinem Leben zunehmend interessanter, aber leider war kein Held in Sicht. Ich schrieb mein Tagebuch voll mit Briefen an meinen Traummann, den ich albern als Lieber Mr. X, Mon petit ami, Lugubres geliebtes Geschöpf oder als Meine größte Erfüllung anredete. Unterschrieben waren diese Briefe mit Deine Hexe, Deine sprudelnde Quelle oder Deine Dich liebende Herrin .Ich beschrieb, wie mein Zukünftiger auszusehen hätte, sogar seine Kleidung stellte ich mir im Detail vor. Ich erzählte ihm, was ich ihm kochen würde, welchen Beruf er haben solle, wie unser Haus konstruiert sein werde, dass unsere Hochzeitsreise nach Sibirien ginge, wir uns einen Oldtimerwagen kaufen müssten und natürlich, wie er mich verführen würde. Die Realität sah allerdings trist aus. Die Jungs in meiner Klasse waren mit 14 Jahren für mich uninteressant. Ich fand sie klein, albern und langweilig und konnte mir mit ihnen keine Liebesszene vorstellen. Für die Jungs aus den höheren Klassen waren wir uninteressant. Für sie waren wir kleine Mädchen. Dafür bekam ich jetzt eine neue gute Freundin. Sie hieß Bettina, ging davor in Rixas Klasse und war sitzengeblieben. Zusammen gingen wir in die achte Klasse und versuchten, die Männerwelt zu erobern. Unser Lebensbild war geprägt von kitschig romantischen Liebesgeschichten, von heiler Familie und der Gattung Männer, von dem wir unbedingt einen besitzen wollten. Wir stritten uns heftig über Religion. Unsere Freunde waren christlich erzogen, gaben sich gläubig oder taten wenigstens so. In unserer Familie gab es nur Atheisten. Oma war aus der katholischen Kirche ausgetreten und wetterte über alle Männer in schwarzer Kutte. Papa erzählte uns, dass im Namen der Religion unzählige Menschen durch Kriege umgekommen waren, Frauen als Hexen verbrannt worden waren, andere Völker unterjocht, beraubt und gefoltert worden sind und noch werden. Wir waren nicht getauft, nahmen nicht am Religionsunterricht in der Schule teil und erfuhren herzlich wenig über die Bibel. Dass aber die Frau aus einer Rippe Adams gemacht worden sei, empörte uns schon damals. Welche verlogene Altenherrenriege wollte uns das einreden?

 

Morgens trafen Bettina und ich uns auf halbem Wege an einer Kaserne. Schon aus der Ferne sah ich sie, wie sie auf ihrem Fahrrad saß, sich mit einer Hand am Gitterzaun festhielt und auf mich wartete. Wir fuhren nebeneinander in Richtung Schule. Aus den vielen Fenstern der Kaserne brüllten uns die Soldaten hinterher, was wir stolz ignorierten, welches uns aber doch freute, da es zeigte, dass uns junge Männer endlich bemerkten. Begannen die Schulpausen, stürmten wir auf die Toiletten, um unsere Frisur zu richten und saßen danach auf den Bänken, die auf dem Schulhof standen. Dort versammelten sich die Mädchen, ließen sich vom anderen Geschlecht betrachten und taxierten ihrerseits die Jungen. Die Pausen waren nun der wichtigste Teil der Schulzeit. Mittags fuhren Bettina und ich zusammen nach Hause, Rixa war auch häufig dabei, und so radelten wir zu dritt nebeneinander auf dem Radweg, damit wir uns besser unterhalten konnten. Die sechs Kilometer Heimweg unterbrachen wir an einem Kiosk bei der Kurfürstenallee, wo Bettina von ihrem reichlich bemessenen Taschengeld einen Block Nougat oder andere Süßigkeiten kaufte, die sie immer schwesterlich mit uns teilte. Am Nachmittag führten wir stundenlange Telefongespräche, die nur eine Einheit kosteten, meinen Vater aber trotzdem ärgerten, da das Telefon ständig besetzt war. An anderen Nachmittagen gingen wir zusammen in die Stadt und kauften ein. Wir wollten Stoff für Nachthemden besorgen, denn eine Klassenreise stand bevor. Zuerst tranken wir einen Hawai-Shake, aßen eine Bratwurst und ein Eibrötchen. Dabei hatten wir die Idee, uns eine Flasche Eierlikör und Sprudel zu kaufen, davon einen „weiblichen Drink“ zu mixen und abends in der Jugendherberge im Bett einen zu heben. Wir stellten uns vor, dass die anderen Mädchen uns doof finden würden und freuten uns darüber. Alles bereitete uns Vergnügen und wir kicherten ununterbrochen und gerieten in eine immer größere Albernheit. Nun ging es in die Stoffabteilung von Karstadt. Ich stellte mir ein traumhaftes Nachthemd aus rotem Flatterstoff vor, der wallend bis zu meinen Füßen fallen sollte und von zwei dünnen Trägern gehalten würde. Damit wollten wir uns nachts auf den Fluren bewegen und uns besonders vor den Jungstüren aufhalten, um sie damit in Verzückung zu versetzen. Bettina meinte dann aber, der Stoff sei zu durchsichtig, redete eine Stunde auf mich ein, währenddessen der Verkäufer ziemlich unruhig wurde. Endlich hatte sie mich mit ihrer reellen Veranlagung überzeugt, und wir erwarben einen langweiligen hellblauen Stoff mit Blümchen. Auf der Klassenreise gab es dann weder Eierlikör, noch verführte Jungen, sondern Wandern, Besichtigen und abendliches Antreten vor den Etagenbetten mit ausgestreckten Händen. Fräulein Schwertfeger kontrollierte, ob unsere Fingernägel auch sauber seien und bewachte die Flure mit Argusaugen. Jeglicher Kontakt zum anderen Geschlecht war untersagt.

Bettina wohnte mit vielen Geschwistern in einer großen Villa inmitten eines Parks, der von einer hohen Mauer umgeben war. Auf demselben Grundstück wohnten noch ihre Tante in einem Bungalow und ihre Großmutter in einem Gebäude, das wie ein Gutshaus mit Säulen und Balkon aussah. In diesem Haushalt lernte ich, dass man sich zum Frühstück Spiegeleier mit Mais und Speck briet, dass Eltern im Wohnzimmer beim Kaffeetrinken nicht von den Kindern gestört werden durften, dass man reich sein konnte und doch sparte. Das zeigte sich unter anderem in Bettinas Zimmer. Es war spartanisch eingerichtet mit einem alten Schrank, Bett, Schreibtisch und Stuhl. Der Boden bestand aus Linoleum, kein Teppich. Die Mutter kaufte sich für einen gesellschaftlichen Anlass eine weiße Bluse, trug sie einen Abend lang und tauschte sie am nächsten Tag um, damit sie ihr Geld zurückbekam. Bei der Erziehung der Kinder wurde nicht gespart. Sie lernten Reiten, Fechten oder Klavierspielen. Bei Bettina sah der Fechtunterricht allerdings folgendermaßen aus. Zur Unterrichtsstunde verließ sie ihr Zuhause, tauchte kurz darauf bei uns auf, stellte ihren Degen bei der Treppe ab, klönte, trank mit uns gemütlich Kaffee und machte sich wieder auf den Heimweg, wenn die Stunde beendet war. Ich lernte außerdem noch, dass Perlonstrumpfhosen unfein sind. Fortan trugen wir wieder dunkelblaue oder grüne Kniestrümpfe und dazu passende Faltenröcke. Dies war für mich ungünstig; da ich klein und zierlich war, wirkte ich noch jünger durch diese Kleidung. Bettina dagegen, die mich um einen Kopf überragte, wurde häufig für älter gehalten als sie war. Rixa und ich, Bettina und Christiane, das war Rixas Freundin, wir vier waren häufig bei Bettina oder in ihrem Wochenendhaus in Fischerhude. Inzwischen hatten auch wir ein Wochenendhaus am Silbersee in der Nähe von Bederkesa. Mein Großvater hatte dort ein Holzhaus mit zwei Zimmern und einer Terrasse gekauft. Anfangs fuhren Rixa und ich gern dorthin. Wir spielten auf der Terrasse Tischtennis, machten lange Spaziergänge durch Wald und Moor oder schwammen im nahen See. Unsere Freundin Bettina kam mit uns ins Grüne, und dann lagen wir lange im Gras und sonnten uns oder wir schaukelten um die Wette. Als Rixa und ich einmal Ferien hatten, und die Eltern nicht mit uns zum Silbersee fahren wollten, waren wir dermaßen verärgert, dass wir abends einige Scheiben Brot und Äpfel stibitzten und am nächsten Morgen ganz früh heimlich das Haus verließen, einen Zettel für Mama in die Küche legten und die 60 Kilometer zum Wochenendhaus mit dem Fahrrad fahren wollten. Wir vermuteten, dass die Großeltern dort sein würden und machten uns frohen Mutes auf den Weg. Nachdem wir dreiviertel der Strecke zurückgelegt hatten, fühlten wir uns erschöpft, besonders da uns von der Nordsee her ein steifer Wind entgegen blies. Kurz vor dem Ziel überraschte uns ein Gewitter. Durchnässt und hungrig klopften wir an die Tür, die von Oma geöffnet wurde, zu unserer großen Erleichterung. Essen und Abtrocknen lehnten wir ab, da wir am Silbersee Soldaten begegnet waren, die uns nachgepfiffen hatten. Wir schlüpften in unsere Bikinis, rannten durch den Regen zum See und sprangen bei eisigen Temperaturen, es war Anfang April, ins Wasser. Die Soldaten grölten, klatschten und winkten uns zu. Wir waren mächtig stolz auf uns und ließen uns etwas später erfrischt und zufrieden von Oma bekochen.

 

Ein Jahr später sah die Sache schon anders aus. Die Eltern waren über Ostern nach Mallorca geflogen, Rixa und ich mussten mit der kleinen Anja ins Wochenendhaus zu Oma und Opa. Wir hatten gutes deutsches Aprilwetter mit Schnee, Regen und Kälte. Bei dieser Witterung mussten wir Opa helfen, mit Hilfe von zerbrochenen Glasscherben den alten Lack von den Holzbrettern zu kratzen. Von der Kälte und der ungewohnten Arbeit wurden unsere Finger schnell steif, Rixa schnitt sich in die Hand und fiel in Ohnmacht beim Anblick ihres eigenen Blutes, und wir fanden endgültig, dass dies ein Scheißostern sei. Später mussten dann die frisch angepflanzten Tannen von Gras und Unkraut befreit werden, und auch diese Arbeit hassten wir. Außerdem konnten uns an den Wochenenden unsere Freundinnen und etwaigen Verehrer nicht erreichen. Mit einem Wort, wir wollten lieber in der Stadt bleiben, als auf dem Land die Natur zu genießen.

Da wir sexuell nicht aufgeklärt wurden, besorgten wir uns die nötigen Informationen mit Hilfe unserer Freundinnen. Mama tat immer so, als wäre es etwas schrecklich Peinliches, seine Tage zu haben und nannte es verschämt ‚ich habe meinen Besuch gekriegt’. Waren die Eltern nicht im Haus, ob bei Bettina oder bei uns, dann stöberten wir in den Büchern herum. Fündig wurden wir besonders in den Gesundheitsbüchern. Dort betrachteten wir die Bilder von nackten Menschen, in der Mitte halbiert, um die äußeren und inneren Geschlechtsteile sehen zu können. Wir sahen schwangere Bäuche und das Heranwachsen der Babys und spielten mit Bettina Geburtsszenen nach. Von einer amerikanischen Austauschschülerin erfuhren wir das erste Mal von Tampons und wie man sie gebraucht. Welche monatliche Erleichterung! Außer Präservativen war uns kein Verhütungsmittel bekannt. Schulkameradinnen erzählten, man könne vom Küssen schwanger werden, oder wenn man zusammen mit einem Jungen in einer Badewanne sitze. Dies alles wurde heiß diskutiert, aber bislang waren wir noch alle ungeküsst. Das änderte sich kurz vor meinem 15. Geburtstag.

Der Verlobte meiner Kusine Lydia namens Klaus kam zu Besuch. Er saß mit den Eltern im Wohnzimmer und unterhielt sich. Als er gehen wollte, begleitete ich ihn nach draußen und zeigte ihm unseren neuen roten Fiat. Er fragte mich, ob ich nicht mit seinem Auto eine kleine Spazierfahrt machen möchte. Ich fragte Papa um Erlaubnis. Klaus jagte ein Stück die Autobahn entlang. Auf der Brücke nach Achim hielt er an und sagte, er brauche wohl nichts mehr zu sagen und ich wisse wohl Bescheid. Ich bejahte, obwohl ich nichts wusste. Er fasste mich um die Taille, spielte mit meinen Haaren und küsste mich. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und hätte mir am liebsten die Reste seiner Spucke vom Gesicht gewischt. Sie begannen zu trocknen und das juckte. „Entschuldige, “ sagte er, „du hast ein süßes Gesicht. Ich möchte dich gerne mal fotografieren. Wie alt bist du eigentlich?“ Ich sagte nicht viel. Er sah mir ununterbrochen in die Augen und küsste mich noch ein paar Mal. Es waren mindestens sechs Küsse, aber ich wusste nicht, ob es schön gewesen war. Auf jeden Fall war es furchtbar peinlich. Das war das dominierende Gefühl. Er fuhr mich wieder nach Hause und ich blieb mit zitternden Knien zurück.

 

Ich traf ihn noch einmal in einem verwilderten Garten an der Weser. Dort saßen wir auf einer zerfallenden Mauer, er sah mir tief in die Augen und fragte mich, ob ich ihn gern hätte. Das wusste ich nicht, aber es gefiel mir schon, mit ihm zu flirten. Als er mich küsste und dabei halb auf mir lag, spürte ich durch die Kleidung sein Geschlecht. Das wurde mir dann doch etwas zu viel. Froh, wieder zu Hause zu sein, schrieb ich heroisch in mein Tagebuch, dass ich ihn meiner Kusine zuliebe aufgeben wolle. Irgendwie haben die Eltern von der Sache erfahren. Es ging ein Geraune durch die ganze Familie, aber mich kümmerte das wenig; ich war noch ein Kind.