In der Vahr

 

Oma und Opa waren immer für uns da gewesen und hatten aktiv an unserer Erziehung mitgewirkt. Wir hatten sie sehr lieb, aber jetzt zogen wir ans andere Ende von Bremen. Wer diese Stadt kennt, weiß, dass sie sich lang und schmal an der Weser entlang zieht. Erst wohnten wir im Norden, nun zogen wir in den Süden, ohne die Großeltern. Rixa und ich blieben noch ein bisschen im alten Haus bis das Schuljahr zu Ende war, und die Eltern das neue Zuhause eingerichtet hatten. Es lag in einem Neubaugebiet mit Reihenhäusern, Hochhäusern, Spielplätzen und einem Einkaufszentrum. Als wir dort hinzogen, war alles noch im Bau. Es gab keine Schulen, Straßen und öffentliche Verkehrsmittel. Unser Haus hatte eine kleine Einbauküche, ein Wohnzimmer mit Terrasse und anschließendem Garten, im ersten Stock ein Kinderzimmer, ein Schlafzimmer und ein Bad mit Badewanne. Vor unserer Reihenhauszeile gab es Parkplätze und ein Gebäude aus Beton, in dem ein Raum als gemeinschaftlicher Fahrradunterstand diente.

Wir kamen in eine neue Schule. Für uns war alles neu: Der Schulweg in den benachbarten Stadtteil, die Mitschüler, die Lehrer, das moderne Gebäude aus Beton. Die Klassen waren überfüllt – über 50 Schüler.

 

In den Volksschulen lag damals der Durchschnitt bei 44 Schülern pro Klasse. Bei uns war der junge Lehrer überfordert. Er entgegnete dem Chaos, dem Lärm und der Unruhe in der Klasse mit Strafarbeiten und Nachsitzen. Seitenweise und stundenlang mussten wir den Satz schreiben: „Ich darf während des Unterrichts nicht mit meinem Nachbarn sprechen“. Unsere Leistungen und Zensuren wurden schlechter. Papa regte sich zu Hause auf. Mama ging in die Schule, beschwerte sich mit den Worten: „ Haben Sie keine anderen pädagogischen Mittel?“ und beschloss, da sich die Situation in der Schule in der nächsten Zeit nicht ändern würde, uns wieder umzuschulen. So gingen wir wieder in unserem alten Stadtteil in unsere alte Schule und fühlten uns wohl. Schließlich arbeitete Mama gleich um die Ecke und Oma und Opa waren auch in der Nähe. Die Fahrerei durch die Stadt wurde allerdings zur Qual. Wir mussten sehr früh aufstehen, weit laufen bis zur ersten Bushaltestelle und fuhren dann mit dem Bus und der Straßenbahn eineinhalb bis zwei Stunden lang. Die öffentlichen Verkehrsmittel waren überfüllt. Rixa und ich mussten meistens stehen, denn damals standen Kinder auf, wenn Erwachsene keinen Platz hatten. Einmal, als wir sehr müde waren und bei unserer Mutter saßen, stand im Gang eine Frau mittleren Alters mit ausgesprochen hochhackigen Schuhen. Die Frau sah immer wieder zu uns herüber und beschwerte sich, dass sie keinen Platz habe und Kinder heutzutage nicht mehr gut erzogen seien. Mama sagte: „ Das ist ja kein Wunder, dass Sie nicht mehr stehen können. Mit solch hohen Pfennigabsätzen! Meine Kinder sind den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und haben auch ein Recht auf einen Sitzplatz.“ Mit diesen Worten nahm sie mich auf den Schoß und machte für die Frau einen Platz frei.

Mama wollte uns etwas Gutes tun und besorgte uns einen Platz in einem Zeltlager bei Verden an der Aller. Unsere vier Jahre ältere Cousine Lydia fuhr auch mit. Dies sollte nun unsere erste Reise ohne die Eltern sein. Mama brachte uns zum Bus. Wir schliefen in großen Zelten zu dritt übereinander. Ich fiel von ganz oben aus dem Bett und landete zum Glück auf meiner Decke, die ich mitgerissen hatte. Rixa machte sich Sorgen um mich. Vor dem Eingang des Zeltes legten wir Gärten an. Leider wuchs auf dem sandigen Boden nichts Rechtes, so dass wir schöne weiße Steine und Moos sammelten. Dazu gingen wir drei in den Wald. Dort hatten wir uns eine kleine Birke ausgesucht, unter der wir lagerten und träumten. Hier war unser Geheimplatz, hier gaben wir uns hemmungslos unserem Heimweh hin, das uns umso stärker befiel, je länger wir fort waren. Lydia versuchte uns zu trösten und isolierte uns dabei immer stärker von den anderen Kindern. Wir fanden keine Freunde. Bei sommerlichem Wetter saßen wir drei an langen Holztischen im Freien und aßen mit vielen anderen Kindern zu Mittag, die wir alle nicht kannten. Zum Trinken stellten wir uns mit unserem Becher in einer Schlange an und gelangten endlich zu einer Tonne mit einem Hahn, aus dem Himbeersirup, verdünnt mit Wasser floss; hellrosa mit wenig Himbeergeschmack und lauwarm war unser Getränk. Uns umschwärmten die Wespen, von denen wir mehrmals gestochen wurden. Ich bekam hohes Fieber und fantasierte. Im Lazarett besuchte mich meine Schwester und wir weinten, weil wir so gern nach Hause wollten. Dann nahte ein Sommergewitter, bei dem ein großer Sturm aufkam. Von den Betreuern wurden wir angehalten, uns in die Mitte des Zeltes zu stellen und die Zeltstange festzuhalten. Wir hatten große Angst, aber alles ging gut. Endlich fuhren wir wieder nach Hause. Mama holte uns vom Bus ab und wunderte sich sehr, als sie unseren Koffer anhob. Sie konnte ihn kaum tragen und sagte zum Spaß: „ Habt ihr da vielleicht Steine drin?“ Tatsächlich hatten wir den Koffer voller Steine, die wir liebevoll gesammelt hatten. Unsere Feldsteine waren unsere Freunde. Wir hatten ihnen Namen gegeben und wollten sie nicht zurück lassen.

Manchmal befreite mich meine Lehrerin vom Unterricht am Sonnabendvormittag, an dem wir nur Zeichnen und Sport hatten. Sie hatte Verständnis für unsere Situation, und so wir konnten sonnabends ausschlafen. Die Lehrerin war eine Respektperson, der ich eine scheue Bewunderung entgegen brachte. Rosi und ich gingen einmal nach der Stunde zu ihr ans Pult und gaben ihr heimlich ein Briefchen, in dem stand, dass wir sie sehr gern hätten und ob wir sie duzen und mit dem Vornamen Inge anreden dürften. Diplomatisch hatte sie sich aus der Affäre gezogen und uns erlaubt, sie zu duzen, wenn wir mit ihr allein waren. Im Unterricht könne sie das wegen der anderen Kinder nicht erlauben. Da wir so gut wie nie mit ihr allein waren, erledigte sich das Problem von.

 

Einmal besuchte ich sie aber doch in ihrer Wohnung. Sie hatte mich eingeladen, mit ihr zu handarbeiten. Wir wollten eine Kinderwagendecke für meine Mama herstellen, die noch ein Baby erwartete. Ich war elf Jahre alt und fuhr allein und heimlich zu meiner Lehrerin. Mama durfte nichts davon wissen. Es sollte eine Überraschung sein. Frau Reckers Wohnung war modern eingerichtet im nordischen Stil mit hellen Holzmöbeln. Auch die Handarbeit, an der wir arbeiteten, passte zu diesem Stil und gefiel mir eigentlich gar nicht. Ich stellte mir etwas Romantisches mit Blümchen und Spitze vor, wagte es aber nicht, mich ihr gegenüber zu äußern. Der Entwurf, den sie ausgesucht hatte, bestand aus beigefarbenem Leinen, aus dem wir Fäden herauszogen und durch blaue und rote Stickfäden ersetzten. Die Rückseite fütterten wir mit rosa Stoff ab. Obwohl es Kekse und Kakao gab, und meine Lehrerin nett war, fühlte ich mich unwohl in ihrer Wohnung und war froh, als es Zeit war, nach Hause zu gehen. Die Wagendecke für Mama habe ich später noch für meine Kinder benutzt. Sie fliegt noch irgendwo auf dem Dachboden herum, denn sie war erstaunlich haltbar. Trotzdem mag ich sie immer noch nicht leiden.

Mit Frau Recker fuhren wir ins Schullandheim in die fernere Umgebung von Bremen. Die Tage waren ausgefüllt mit Wandern. Einmal sollte die Klasse, in Gruppen aufgeteilt, selbstständig nach einer Karte zu einem bestimmten Platz im Wald wandern. Mir wurde eine Gruppe von ein paar Schülern anvertraut, die ich führen sollte. Wir marschierten munter los, bogen rechts und links in verschiedene Waldwege ab, bis die Karte nicht mehr mit unserer Umgebung übereinstimmte. Ich suchte Rat bei den Anderen. Wir rätselten rum und wussten nicht weiter. Dafür gingen wir aber unermüdlich weiter und redeten uns ein, die Wege und Kreuzungen im Wald wären so auf der Karte eingezeichnet wie sie uns in der Natur begegneten. Langsam und allmählich verzagten wir, da wir den Treffpunkt nicht fanden und uns eingestehen mussten, dass wir uns verirrt hatten. Wir erreichten eine große Landstraße, auf der wir weiter liefen. Dann kam ein Straßenschild mit Wegweisern und dem Hinweis, dass es 30 Kilometer nach Bremen seien. Wir gingen also in die falsche Richtung, kehrten um und liefen und liefen bis wir völlig erschöpft waren. Mit mehr Glück als Verstand fanden wir endlich den Weg zurück ins Schullandheim. Dort wurden wir mit einem Donnerwetter begrüßt. Meine Lehrerin war von mir sehr enttäuscht, was mir schwer zu schaffen machte. Völlig erledigt, physisch wie psychisch, fielen wir in die Betten. Am nächsten Tag hörten wir, dass Frau Recker sehr beunruhigt war, als wir zur vereinbarten Zeit nicht am Treffpunkt erschienen, und dass uns Bundeswehrsoldaten gesucht hatten, uns aber nicht auf der Straße nach Bremen vermuteten. Beim erneutem Studium der Karte stellte sich heraus, dass ich immer nach rechts gegangen war, wenn links eingezeichnet war und umgekehrt. Leider weiß ich bis heute nicht sicher, wo rechts und wo links ist. Das brachte noch viel später meinen Fahrlehrer zur Verzweiflung.

 

 

Anfangs schliefen wir noch häufig bei Oma und Opa, aber als wir älter wurden, wollten wir doch lieber in unserem neuen Zuhause in der Vahr sein. Rixa ging auf das Gymnasium „Am Barkhof“ in der Bremer Innenstadt, nachdem sie erst mal durch die Aufnahmeprüfung gefallen war. Nach Protest meines Vaters und Wiederholung hatte sie aber doch noch bestanden.

Zum ersten Mal gab es Strumpfhosen. Welch’ freiheitliche Revolution für uns! Nun mussten wir keine Leibchen mit langen Strumpfhaltern mehr tragen oder, da wir uns in den Dingern wie aufgehängt vorkamen, im Winter mit Kniestrümpfen durch den Schnee stapfen.

Weihnachten fuhren wir weiterhin in die Seewenjestraße zu Oma und Opa. Dort trafen wir auch

Weihnachten 1961 aber gab es eine große Überraschung. Ohne Weihnachtsmann durften wir zwei große Pakete auspacken. Als wir endlich Papier und Karton aufgerissen hatten, wühlten wir aufgeregt im Füllmaterial. Meine Finger ertasteten ein Auge, legten ein Gesicht mit braunen Zöpfen frei, und endlich hob ich eine kleinkindgroße Puppe aus der Verpackung, die ihre Schlafaugen mit den langen Wimpern aufschlug, mich ansah und sofort mein Herz eroberte. Ich stellte sie auf die Füße und strich ihr Kleid glatt. Rixa nahm ihr Puppenkind an die Hand und wir waren die glücklichsten Puppenmütter, bis uns unsere ältere Kusine mal wieder erzählte, dass sie eine noch größere und vor allem teurere Puppe besaß. An einem anderen Heiligabend waren wir stolz auf unsere neuen Latexhosen, elastisch und mit Steg unter dem Fuß - ihre war besser und hatte mehr Geld gekostet; freuten wir uns über unsere dicken weißen Skipullover – ihrer war weißer und dicker. Aber diesmal beeindruckte sie uns nicht. Unsere Puppen blieben die schönsten und liebsten Puppen für uns. Zu Weihnachten und auch zum Geburtstag meines Großvaters schrieb ich kleine Zeitungen, die ich Familienzeitung nannte. Sie bestanden aus sechs kleinen Seiten und enthielten eine Geschichte, ein paar Witze, Gedichte, Sprüche und Zeichnungen. So hatte ich für Opa immer ein schönes Geschenk. Dieses Jahr hatte ich gedichtet:

 

Weihnachten bei Oma und Opa

 

Wenn die Uhre viere schlägt,

Opi an dem Tannbaum sägt.

Um fünfe ist er schon geschmückt,

weil das Fest ja näher rückt.

Wenn wir alle dann versammelt,

das Gedicht hinunter gestammelt,

der Weihnachtsmann klopft an

und bringt uns die Geschenke dann.

Weihnachten mein liebstes Fest

Feiern wir in Opas Nest.

 

Ein anderes Mal schrieb ich:

 

Der Mäuseschreck

 

Jan möchte so gerne Schlittschuh laufen

Doch muß er sitzen vor seinem Bücherhaufen

Seine Mutter, die kann prima wachen

Da hat der Jan nun nichts zu lachen

Er sitzt im Stuhl und ist sehr trübe

Zum Fenster herein fliegt eine Rübe

Das waren der Hein und der Fritz

Die machten sich n’tollen Witz

Sie sind jedoch auch treue Kameraden

Und holen fix n’langen Faden

Auch holen sie noch von zu Haus

Eine längst schon tote Maus

Die legten sie leise in die Küchentür

Die Maus an dem Faden tanzt eine Kür Die Mutter schreit, hält die Hände vors Gesicht

Jan rennt in den Keller mit einem Licht

Holt seine Schlittschuh sofort

Schnell weg von diesem schrecklichen Ort!

 

 

 

Die zweite Überraschung an diesem Abend erwartete uns, als wir wieder zu Hause waren. Mama und Papa verkündeten uns die große Neuigkeit: „Ihr bekommt noch einen Bruder oder eine Schwester!“ Erst waren wir starr vor Entsetzen. Dann schrieen wir unsere Mutter an: „Du hast uns das ganze Weihnachten verdorben. Wir wollen kein Baby haben!“ Erbost und weinend stürmten wir in unser Zimmer. Mit niemandem wollten wir Mama teilen. Keiner sollte in unseren Dreierbund eindringen. Auch die nächsten Tage herrschte bei uns schlechte Stimmung. Wir sagten Mama, wir würden das Baby aus dem Fenster schmeißen, wenn es käme. Sie konnte uns nicht von den Vorzügen des Familienzuwachses überzeugen. Noch unversöhnlicher wurden wir, als sie uns sagte, dass wir nun den kleinen Hund nicht mehr bekommen könnten. Sie war nämlich eines Tages mit uns zu einem Kollegen gefahren, und dort hatten wir uns einen Dackelwelpen aussuchen dürfen, nachdem wir sie immer wieder bedrängt hatten, wie gerne wir einen Hund hätten oder am liebsten noch ein Pferd. Natürlich kam ein Pferd überhaupt nicht in Betracht. Pferde konnten wir schließlich betrachten, wenn wir im ersten Stock aus dem Fenster sahen. Hinter unserem Garten befand sich die Rennbahn von Bremen, und wir hatten den Tribünenplatz beim Galopp- oder Trabrennen gratis. Zu einem kleinen Hund aber konnten wir sie schließlich überreden. Wir freuten uns sehr auf den Langhaardackel und konnten es gar nicht abwarten, bis er endlich zu uns käme. Von unserem Geld hatten wir ein Halsband und eine Leine gekauft, nachdem wir lange gespart hatten. Mit unserem Wechsel auf ein Gymnasium bekamen wir von den Großeltern fünf Mark Taschengeld im Monat. Ein Körbchen für das Hundebaby stand neben unseren Betten. Dies alles war jetzt umsonst. Unser Hund war gestrichen wegen eines Babys, das wir nicht wollten! Mama wollte es eigentlich auch nicht. Aber das erfuhren wir erst später. Sie war nach Hamburg gefahren zur Abtreibung, aber ihr Arzt weigerte sich diesmal, weil sie es schon so oft hatte machen lassen. Unverrichteter Dinge musste sie wieder nach Hause fahren. Onkel Harro fuhr sie auf seinem Motorrad über die Autobahn. Fast wären sie im Wasser stecken geblieben, denn die Fahrbahnen waren schon überschwemmt durch die große Flutkatastrophe in Hamburg. Meine Mutter muss über dieses „Frohe Ereignis“ auch nicht gerade erfreut gewesen sein, denn sie war schon fast vierzig und mit unserem Vater nicht glücklich. Immer wenn er Alkohol trank, wurde er unausstehlich. Ab einem gewissen Alkoholpegel reagierte er äußerst aggressiv auf alles, was andere sagten. Meistens ging es um politische Themen. Rixa und ich wachten mitten in der Nacht auf, weil er lauthals im Untergeschoss brüllte. Mein Herz fing an, schnell und stark zu klopfen. Ich kroch zu Rixa ins Bett. Endlich hielten wir es nicht mehr aus und schlichen auf die Treppe. Auf der obersten Stufe saßen wir in unseren Nachthemden eng umschlungen, zitterten und versuchten zu sehen und zu verstehen, was da unten vor sich ging. Die Haustür stand weit offen, viele Leute waren da, Papa prügelte sich mit einem Mann im Vorgarten und stieß ab und zu kehlige Schmerzlaute aus. Mama lief mit einem blutigen Schwamm hin und her, und jemand schrie: „Polizei!“ Uns lief eine Gänsehaut über den Rücken, wir zitterten unaufhörlich und weinten laut. Da bemerkte uns Mama, nahm uns in ihre Arme, brachte uns zurück ins Bett; doch schlafen konnten wir noch lange nicht.

 

In einer anderen Nacht hörten wir, wie sich unsere Eltern stritten. Wir gingen zur Schlafzimmertür, die abgeschlossen war und riefen: „Mama, sei doch ruhig!“ Sie sollte Papa nicht noch weiter durch Argumente und Entgegnungen reizen, doch unser Beschwichtigungsversuch, Papa nicht noch wütender zu machen, scheiterte. Sie sagte: „Siehst du, jetzt hast du die Kinder aufgeweckt. Du bist doch nicht normal, du Idiot.“ Ein Krachen – Mama schrie auf und weinte. Wir wollten rein ins Zimmer, um ihr zu helfen und rüttelten an der Tür, aber sie war immer noch verschlossen. Verzweifelt trommelten wir mit den Fäusten gegen das Holz. Schlug er sie jetzt tot? „Macht auf!“ Wir setzten uns auf den Fußboden und mussten unsere Angst und Ungewissheit aushalten. Endlich drehte sich der Schlüssel im Schloss. Mama kam heraus und ging ins Bad. Ihr Haar war voller Blut. Am nächsten Tag ließ sie die Kopfplatzwunde beim Hausarzt nähen. Papa wusste beim Frühstück von nichts mehr. Wir sprachen nicht mehr mit ihm.

Silvester war unser schrecklichstes Fest. Am Vortag setzte Papa die Bowle an. Die Früchte wurden in Rum eingelegt. Das war sein Lieblingsgetränk, übernommen aus seiner Kriegsmarinezeit. Aus dieser Zeit stammte auch noch eine Trillerpfeife aus Metall, auf der er schrill pfiff, wenn er gute Laune hatte und brüllte. „Banken und Baken! Essen fassen!“ Am frühen Abend schmückten wir das Wohnzimmer mit Papierschlangen und aßen Berliner. Wir tanzten mit Mama herum und wussten doch, was kommen würde. Die Bowle war bald geleert, Mama sagte immer öfter: „Trink nicht so viel“, der Ton wurde gereizter und Papa ging über zu purem Rum. Da wurde ich ins Bett geschickt. Unruhe und Angst beschlich mich. Rixa wurde beauftragt, ihren Vater ins Bett zu bringen. Er redete und redete, sie schenkte ihm Rum ein. Was er ihr an Alkohol ins Glas füllte, schüttete sie heimlich in die Blumentöpfe. Endlich war die Flasche leer, vorher hörte er nicht auf zu trinken. Mitten in der Nacht schüttelte uns Mama wach: „Pst, leise, zieht euch an“. Das Taxi hatte sie schon bestellt. Würde er aufwachen? Leise schlichen wir raus und zogen die Haustür zu. Gerettet - und nun zu Oma und Opa! Dort blieben wir eine Zeit lang und meinetwegen hätte es so bleiben können, doch an einem Nachmittag machten wir drei uns schön und gingen zum Zirkus. Vor dem Eingang stand Papa mit Blumen, Pralinen und Bonbons für uns. Mama war abweisend zu ihm, aber wir fanden Papa sehr nett. Wir saßen ganz vorne in der Loge, denn Papa bekam immer Freikarten, weil er von der Presse war. Den nächsten Tag zogen wir wieder nach Hause. Doch überstürzte Fluchten zu den Großeltern wiederholten sich noch öfter.

 

Beim Essen stritten sich die Eltern besonders häufig. Papa mäkelte über die Speisen. Dies sei nicht scharf genug, das nicht ausreichend gebraten. Mama konterte und schon knallte er den gefüllten Teller an die frisch gestrichene weiße Wand. Rixa und mir blieb der Bissen im Hals stecken. Man kann verstehen, dass wir froh waren, als er einige Zeit im Sauerland arbeitete. Häufiger fragte uns Mama, ob sie sich scheiden lassen solle. Wir waren von der Idee ganz begeistert und bestärkten sie, doch sie konnte sich nicht dazu entschließen. Sie zog uns auf ihre Seite im Kampf mit dem Ehemann, was bei dem Benehmen von Papa nicht weiter schwer war. Wir mussten sie trösten und sie heulte sich bei uns aus im allgegenwärtigen Ehekrieg. Gegen uns Kinder hat er nie die Hand erhoben bis auf einmal, als er uns ohrfeigte. Aber davon später.