Nun kamen erst mal die großen Sommerferien, die wir wie jedes Jahr in Dänemark verbrachten und zwar mit der Großfamilie. Das waren die Eltern, Großeltern und die Geschwister von Opa, deren Kinder und Enkelkinder. Ungefähr zwanzig Personen trafen sich auf der Landzunge in der Nähe von Hvide Sande. Wir fuhren in der Regel frühmorgens los, wenn es dämmerte. Bei Tonder ging es über die Grenze, und hatten wir Varde erreicht, fühlten wir uns schon wie zu Hause. Wir machten eine kurze Rast und aßen unseren ersten dänischen Hot Dog, der vorzüglich schmeckte. Auf der schmalen Landzunge, rechts der Ringköbing Fjord, links die Nordsee, hatten wir einen Bauern gefunden, der uns ein Tal in seinen Dünen vermietete. Ringsum wucherten die Moosbeeren und sonst war da nichts, wie eine Mondlandschaft, oder so, wie ich mir eine vorstellte. Der dänische Bauer hatte uns eine Wasserpumpe geschlagen. In der Mitte wurde eine Feuerstelle angelegt und darum herum schlugen alle Familien ihre Zelte auf. In einer benachbarten Sandkuhle bauten die Männer ein Plumpsklo. Das Holz dafür sammelten wir an der Nordsee, wo reichlich Strandgut angeschwemmt wurde. Da niemand gern umsonst eine Düne ersteigen wollte, um auf die Toilette zu gehen, wurde ein Fahnenmast errichtet. Sah man von weitem die gehisste Flagge, konnte man sich den Weg sparen, denn das Klo war besetzt. Wurden noch weitere Familienmitglieder aus Hamburg erwartet, setzte sich einer von uns auf die höchste Düne mit einem Fernglas und beobachtete den langen Sandweg, der von der fernen Straße zu uns führte. Hatte man die Erwarteten erspäht, lief man winkend und laut schreiend: „Sie kommen, sie kommen!“ den Hügel hinab in unser kleines Zeltdorf. Dort wurden die Ankömmlinge dann gebührend begrüßt. Abends saßen wir um das Lagerfeuer. Vorher spielten die Cousins von Mama mit uns Fußball oder wir fochten Reiterkämpfe auf ihren Schultern aus. Dann wurden Lieder gesungen und etwas später der Rum hervorgeholt, den Papa in Wasserkanistern über die Grenze schmuggelte. Das mit dem Rum, gefiel mir nicht, aber ich hatte nicht so große Angst, dass etwas Böses passieren könne, da die ganze Familie da war und aufpasste.

Wir machten Wanderungen zur anderen Seite der Landzunge. Dort kauften wir von einer Räucherei Fisch, der noch warm vom Rauch war, oder wir gingen zum Hafen von Hvide Sande, um von den Fischkuttern frischen Fisch zu holen. Diesen versuchten unsere Männer in einer Tonne eigenständig zu räuchern. Als sich nicht genug Qualm entwickelte, riefen sie zu Papa: „Gustav, schmeiß mal dein Hemd rüber!“ Und schon lag die weiße gerippte Ware über der Tonne und färbte sich gelb, braun und schwarz. Die Räucherei gelang; aber nun musste eine neue Beschäftigung her. Wir hatten viel Zeit dort, die unsere Phantasie anregte. Sie wurde ausgefüllt mit stundenlangen Wanderungen am menschenleeren breiten Sandstrand. Dort suchten wir nach Bernstein und fanden häufig kleine und auch größere Stücke. Mit schönen Muscheln beklebten wir Kästchen. Aus Stearin und Wachs, welches angespült worden war, gossen wir mit Opa Kerzen an Regentagen. Dazu mussten leere Dosen und Plastikgefäße gesammelt werden, und Oma wurde angehalten, ihre Topflappen aufzurippeln, damit wir Dochte hatten. In den Dosen schmolzen wir das Wachs und gossen es in die Plastikgefäße, in denen mittels Nägeln der Docht gespannt war. Wir stellten so viele Kerzen her, dass wir sie noch Weihnachten anzünden konnten.

Einmal entdeckten wir Raketen am Strand. Abends als es dunkel war, wollten wir uns an dem Feuerwerk erfreuen. Wir sahen rote und grüne Leuchtkugeln am Himmel. Kurze Zeit später streiften Menschen durch die einsamen Dünen. Wir hörten sie auf dänisch rufen und verkrochen uns schnell in unsere Zelte und löschten das Licht. Ein Rettungstrupp war auf der Pirsch, denn wir hatten Leuchtsignale für Schiffe in Seenot abgeschossen.

Ein anderes Mal herrschte große Aufregung, weil ein Delphin am Strand lag. Unsere Männer mobilisierten alle Kräfte, schoben das Tier wieder ins Wasser und begleiteten es ein Stück ins Meer hinaus. Wir freuten uns über seine Rettung, doch am nächsten Tag lag der Fisch wieder am Strand und die Möwen hatten ihm schon die Augen ausgehackt.

Ins Meer gingen wir bei jedem Wetter. Das war Ehrensache. Bei Sturm waren die Wellen schön hoch und gegen die Brandung zu kämpfen machte besonderen Spaß, aber das An-und Ausziehen gestaltete sich schwierig. Die Handtücher flatterten im Wind wie Flaggen an einem Mast. Sie weigerten sich, den Körper abzutrocknen, an dem überall Sand klebte. Das Salz aus der Nordsee trocknete auf der Haut und begann zu jucken. Die Unterhosen wollten partout nicht an den feuchten Beinen hoch rutschen. Wir halfen uns gegenseitig und waren endlich wieder angezogen, erfrischt und belebt durch Wasser und Wind. An manchen Tagen war das Baden gefährlich. Mama war ein Stück rausgeschwommen. Nach einiger Zeit begann sie plötzlich wild zu gestikulieren und zu rufen. Erst schauten wir verwundert zu ihr herüber, bis ihr Cousin, der ein kräftiger Mann war, begriff, dass sie in Not war. Sie war schon ein weites Stück abgetrieben worden, bis er sie, kräftig gegen die Strömung schwimmend, erreichte und völlig erschöpft an Land brachte. Es gab dort gefährliche Unterströmungen, die Schwimmer auf das offene Meer treiben konnten. Bei schäumenden Wellen klatschte mir schon mal ein Stück Treibholz an den Rücken. Auch ein dicker Balken sauste einmal gefährlich nahe an meinem Kopf vorbei.

 

Nacktbaden bei Nacht war auch sehr beliebt, allerdings nicht bei Rixa und mir; wir waren Backfische und genierten uns. Bei solch einer Gelegenheit rief Onkel Arthur: „Mensch, Gustav, dein Schwanz glüht ja!“ Im Meer schwamm phosphoreszierendes Plankton, was sich auf die Haut legte und leuchtete. Papa freute sich, zog den Bauch ein, trommelte sich mit beiden Fäusten auf seine muskulöse Brust, sprang gleich noch einmal hinein und tauchte unter die Wellen.

Manches Jahr hörte es gar nicht wieder auf zu regnen. War alles klamm und feucht, packten wir unsere sieben Sachen und machten uns auf den Heimweg. In Hollen wollte Papa Zwischenstation machen und das nasse Zelt trocknen. Opa hatte ein neues Wochenendhaus zwischen Bremen und Bremerhaven gekauft, das in dem winzigen Dorf Hollen lag. Dieses Haus war eine zerfallende Bauernkate mit Strohdach auf 4000 Quadratmeter Grundstück. Anstatt Fußböden lag heller Sand in manchen Räumen. Auf der Tenne befand sich ein stinkendes Plumsklo und überall gab es riesige Spinnen. Rixa und ich wollten unbedingt nach Hause. Wir sehnten uns nach einem Bad mit Badewanne, wir wollten endlich unsere Haare waschen und mit unseren Freunden telefonieren. Doch Papa nahm auf unsere Wünsche keine Rücksicht. Es wurde so gemacht, wie er das wollte. So begannen Rixa und ich zu mosern, meckern, jammern und jaulen, halfen nicht, das Auto zu entladen und hatten an allem etwas auszusetzen. Das ging so eine Zeitlang weiter, bis Papa der Kragen platzte und uns jedem eine ordentliche Ohrfeige gab. Wir waren völlig verdutzt, erschrocken, verstummten sofort, krochen ohne ein weiteres Wort in die ungeliebten eisernen Stockbetten, und weinten uns in den Schlaf. Wir schworen uns, nie mehr mit ihm zu sprechen, hielten das auch den ganzen nächsten Tag durch und konnten uns gar nicht beruhigen über soviel Ungerechtigkeit und die erste und einzige Ohrfeige von unserem Vater.

Als es das Haus in Hollen noch nicht gab, machten wir auf der Rückfahrt oft Station bei Onkel Max, am Nord-Ostseekanal in der Nähe von Rendsburg. Er hatte Bienenstöcke und gab uns gelegentlich selbstgeschleuderten Honig mit. Ich liebte die roten Johannisbeeren in seinem Garten, aber noch mehr begeisterte uns seine Würstchenbude auf der anderen Seite des Kanals. Onkel Max bugsierte die Autofähre über den Nord-Ostseekanal. Den ganzen Tag fuhr er vom rechten zum linken Ufer, von seinem Wohnhaus zu seinem Stand. Dort beköstigte seine Frau Miede die Gäste mit Frikadellen, Würstchen, Eis, Bonbons und Schokolade. Am Kanal standen einige Gartenstühle und Tische mit Sonnenschirmen. Für Rixa und mich war es das Paradies: Wir fuhren auf der Fähre hin und her, kletterten überall herum beim Inspizieren des Schiffes und durften sogar auf die Kommandobrücke. Hatten wir dazu keine Lust mehr, setzten wir uns auf die Gartenstühle, schauten auf das Wasser und beobachteten die großen und kleinen Schiffe, die von der Nordsee zur Ostsee schipperten oder umgekehrt. Dabei spendierte uns Tante Miede Limonade, Eis und Würstchen. Reisten wir weiter, steckte sie uns immer eine Tafel Schokolade zu.

 

Unsere Reisen nach Dänemark konnten wir noch einige Jahre fortsetzen, aber dann, Anfang der siebziger Jahre, war die Idylle endgütig vorbei. Unser Bauer hatte die Landwirtschaft aufgegeben, hatte eine Nerzzucht begonnen, was wir bei einer Besichtigung tierquälerisch fanden. Dann stieg er voll in den Tourismus ein, baute an der Straße einen Campingplatz und in den Dünen ein Ferienhaus nach dem anderen. Wir waren verwöhnt und kannten ein anderes Dänemark ohne Touristen, mit weiten menschenleeren Stränden und unverbauter Natur. So fuhren nicht mehr hin und suchten uns andere Reiseziele.

Die Ferien waren zu Ende, und es begann von neuem die Qual der Schule. Eine Qual war es nur in Bezug auf das Lernen und die Lehrer. Eine Freude und für unsere Entwicklung unersetzlich war die Schule als Kommunikationszentrum für Gleichaltrige. Über das Lernen schrieb ich als Fünfzehnjährige in mein Tagebuch:

 

Mein Gehirn hat sich um fünf Zentimeter geweitet. Ich habe einen dicken Kopf gekriegt und oben steigt Dampf in Kringeln an unsere Himmeldecke. Dampf entsteht beim Kochen, also meine Gehirnwindungen sind stark erhitzt durch Überlastung. Meine Augen reagieren nur noch auf Schlaufen, die meine Schrift sein sollen, auf Wurzelzeichen, sowie alle möglichen Zahlen mit Kommata. Würde mir jetzt ein Ziegelstein auf den Kopf fallen, so würden aus meinem Gehirn nur noch englische und französische Vokabeln purzeln und mit riesengroßen Schritten davon laufen, weil sie so sehr in mein armes Schädelchen hinein gepresst worden sind, dass sie bestimmt keine Lust mehr verspüren werden, dort wieder hinein zu kommen.

 

Die Lehrerschaft unserer Schule war eine Ansammlung neurotischer Menschen. Wird man so, wenn man in jahrelanger Mühsal Kinder und Jugendliche unterrichtet? Oder sammeln sich im Lehrerstudium all diejenigen, denen nichts anderes übrig bleibt, als ihre Interessen, ihre Vorlieben Kindern beizubringen, die wiederum nichts lieber täten als sich mit anderen Dingen zu beschäftigen? Muss man dabei neurotisch werden? Papa sagte immer, Lehrer würden nie erwachsen werden, denn sie verließen in ihrem ganzen Leben nicht die Schulbank und wüssten nicht, wie es im Arbeitsleben zugeht. Verfolgte man einen normalen Schultag in meiner Klasse, so ergab sich folgendes Bild:

Morgens um sieben Uhr begann der Unterricht mit einer Frühstunde Deutsch bei Herrn Timmann. Er wurde bei uns nur „Sandmännchen“ genannt, weil sein Unterricht extrem langweilig war. Wir mussten ständig gegen drohendes Einschlafen ankämpfen. Nachdem wir bei ihm ein Jahr lang das mittelalterliche „Hildebrandslied“ durchgenommen hatten und uns langsam Strophe für Strophe weiter vorarbeiteten, bekam mein Vater zu Hause einen Wutanfall, bei dem bestimmte Muskeln im Wangen – Kieferbereich anfingen zu zucken, und brüllte: „ Als wenn es nichts wichtigeres und anderes zu lesen gibt! So ein Idiot!“ Die nächste Stunde hatten wir Französisch bei Herrn Beißner, der Fräulein Schwertfeger ablöste. Er war ein besonders fieser Zeitgenosse. Mit beißendem Spott und Hohn - auch seinem Namen wurde er nur zu gerecht - versuchte er die Schüler mit seinen Gemeinheiten fertig zu machen. Zu mir sagte er, was ich denn hier auf der Schule wolle, ich solle mir doch lieber einen Mann suchen und heiraten, hübsch wäre ich ja immerhin. Zum Unterricht mussten wir eine Kerze mitbringen. Vor der Flamme sollten wir das stimmlose „H“, wie in homme oder héroique üben, ohne dass sie flackerte. Er ging durch die Reihen und kontrollierte wie wir hauchten beziehungsweise nicht hauchten. Jahrzehnte später, als wir ein Schulfest mit Ehemaligen besuchten, sagte Rixa zu Herrn Beißner: „Meine Schwester hat übrigens Medizin studiert und hat sechs Kinder.“ Er darauf: „Warum das denn?“

Nun kam eine Stunde Mathematik bei Herrn Vagt, genannt Bulli-Vagt. Er war für mich eine Heimsuchung. Kaum hatte er den Raum betreten und Guten Morgen gesagt, nahm er in eine Hand ein Stück Kreide, in die andere einen Schwamm, und begann an der Tafel mathematische Formeln abzuleiten, indem er ununterbrochen zur Tafel redete, mit der einen Hand schrieb und mit der anderen das eben Entwickelte wieder abwischte, ohne dass ich im Abschreiben mitkam, geschweige denn etwas verstand. Stellte man Fragen, galt man als dumm; im besten Fall wiederholte er noch einmal das eben Gesagte, mit dem Erfolg, dass man es jetzt auch nicht besser kapierte. Als er eines Tages hereinstürzte mit einem Packen Zettel in der Hand und ‚Klassentest’ rief, sah ich kurz auf die mathematischen Aufgaben, begriff, dass ich nichts begriffen hatte, schrieb meinen Namen darauf und gab die Arbeit ab, ohne mir die geringste Mühe zu machen, eine Aufgabe zu lösen oder abzuschreiben. Ich fand das einfach ehrlicher und fühlte mich großartig, obwohl ich eine sechs bekam. Papa war sowieso der Meinung, dass man Mathematik nicht können müsse, weil er es selber nicht konnte.

In der nächsten Stunde war Kunst dran. Das war für mich eine Freude und Erholung. Wir malten ein Fantasiebild mit Tusche. Auf mein Bild pinselte ich einen Baum, bunte Vögel und Fische. Es wurde lobend in die Höhe gehalten. Endlich mal eine positive Rückmeldung!

Danach kam Dr. Rastede, den wir „Kurdel“ nannten, und unterrichte uns in Geschichte. In weißem Hemd, Schlips, Anzug und Glatze stand er vor uns und fragte Jahreszahlen und Schlachten ab. Mit ihm hatten wir leichtes Spiel, denn wir brauchten ihm nur eine Frage zum zweiten Weltkrieg zu stellen, und schon kam er ins Erzählen und hörte gar nicht mehr auf, bis die Stunde herum war. So verquatschte er viele Geschichtsstunden mit seinen persönlichen Erlebnissen. Ich mochte dieses Fach, besonders da Papa zu Hause den trockenen Unterrichtsstoff mit interessanten Details garnierte: Wo und wie gingen die Menschen im Mittelalter aufs Klo, die auf einer Burg lebten? Wie kamen die Ritter in ihre Rüstung?

Lady Schulz-Degenhard, abgekürzt „LSD“, wollte uns Englisch beibringen. Sie hatte heute offenbar schlechte Laune, begann lustlos Vokabeln zu erklären, sah wiederholt eine Mitschülerin in der ersten Reihe an, stand plötzlich auf, trat vor die Schülerin, trampelte wie eine Furie auf den Füßen derselben herum und brüllte: „Warum starrst du mich so an?“ Da die Lehrerin einen irren Ausdruck in den Augen hatte, zog unsere Klassenkameradin ihre Füße erschrocken unter den Stuhl zurück und sagte: „Ich sehe sie an, weil ich ihrem Unterricht aufmerksam folgen möchte.“ Dies versetzte die Lehrkraft in einen erneuten Wutanfall. Sie zischte: „Du wagst es auch noch, mir zu widersprechen und gibst freche Antworten?“ Die Angegriffene war den Tränen nahe, während die übrigen Schüler froh waren, noch mal davon gekommen zu sein, denn „LSD“ besann sich und setzte den Unterricht mit einer leisen, liebsäuselnden Stimme fort.

 

Doch das war noch nicht alles. Die letzte Stunde war die Schlimmste. Wir gingen in den Physikraum, der wie ein Hörsaal mit ansteigenden Bankreihen konstruiert war. Ganz vorne, neben dem Tresen mit den physikalischen Instrumenten stand unser Lehrer, mehr quadratisch als länglich, klein mit einem imensen Bauch, auf dem der Schlips waagerecht lag. Sein Kopf, rund wie eine Kugel mit blanker Glatze, ruhte ohne Hals auf dem Brustkorb. Wir nannten ihn den „Medizinballschlucker“. Er pickte sich wahllos irgendeinen Schüler aus der Klasse und machte ihn fertig, indem er Verbalinjurien herausbrüllte und sich dabei so in Rage steigerte, dass sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten und in seinen Mundwinkeln grüner Schaum entstand. Seine fetten kleinen Hände fuchtelten durch die Luft, eine fuhr in die Hosentasche, förderte ein geknülltes Taschentuch zu Tage, womit er sich schnäuzte und dann mit derselben Taschentuchstelle seine Mundwinkel und Glatze abwischte. Ich schüttelte mich vor Ekel und machte mich gleichzeitig ganz klein hinter meinem Vordermann, damit ich von dem Geistesgestörten da vorne nicht gesehen wurde. Als wir zu Hause von diesem Lehrer erzählten, bekam Papa erneut einen Wutanfall mit gefährlich zuckenden Gesichtsmuskeln. Er beschwerte sich in der Schule beim Direktor, der leider an der Situation auch nichts ändern konnte, da dieser Lehrer schon von etlichen Schulen gewiesen worden war. Er wisse um die Missstände, viele Eltern hätten sich schon beschwert, aber in nicht mehr ferner Zeit würde der Lehrer ja pensioniert werden. Solange müssten wir ihn noch ertragen.

Wir hatten nicht jeden Tag sieben Stunden Unterricht, manchmal waren es auch nur fünf. Dann fuhren wir mit dem Rad in ein nahe gelegenes Café, trafen uns dort mit anderen Schülern und tranken Coca Cola. Zur Freimarktszeit konnten wir zu Fuß zu den Autoskootern gehen, die extra für uns Schüler schon mittags geöffnet wurden. Dort traf man sich und, was noch wichtiger war, man wurde gesehen, wenn man lässig auf der Umrandung an eine Säule gelehnt stand und auf die Pärchen in den Autos schaute. Bettina und ich trugen bei solchen Gelegenheiten unsere neu erworbenen BHs und darüber schwarz-weißgestreifte Pullover und schwarze Hosen. Wir fanden es witzig, uns gleich anzuziehen, was durch unseren erheblichen Größenunterschied komisch aussah. Die größte Mutprobe bestand darin, durch den hinteren Gang der Autoskooteranlage zu gehen. Dort lümmelten die Jungen mit dem schlechtesten Ruf herum. Wagten wir es, an ihnen vorbei zu gehen, hörten wir anzügliche Bemerkungen, bekamen einen Klaps auf den Hintern oder eine Hand griff an unsere Brust. Darüber waren wir nur scheinbar empört, von Sexismus und Frauenrecht hatten wir noch nichts gehört. Im Gegenteil, wurde man nicht übel angemacht, war das eine Schande, weil man anscheinend nicht attraktiv für das andere Geschlecht war.

Demnächst sollte wieder mal ein Wandertag der Schule stattfinden. Meistens marschierten wir durch die Gegend und kehrten zum Abschluss in ein Lokal ein. Diesmal jedoch war das Blockland, eine ausgedehnte Wiesenlandschaft im Nordosten Bremens, überschwemmt und zugefroren. Wir wollten also Schlittschuh laufen. Dazu nähte ich mir extra eine buntkarierte Hose mit Aufschlag. Rixa und ich hatten weiße Schlittschuhstiefel geschenkt bekommen und damit auf dem Silbersee laufen geübt. Über die weiten Flächen des Blocklandes zu sausen war aber ein besonderes Vergnügen. Ich konnte inzwischen richtig gut Schlittschuhlaufen und fühlte mich unwiderstehlich in meiner neuen Hose. Ein Junge aus meiner Parallelklasse namens Wolfgang fand das wohl auch, fuhr immer hinter mir her, fing mich auf, wenn ich drohte zu stürzen und wärmte meine verfrorenen Hände in den seinen. Diese waren dick und kräftig. Ich schaute in seine gelben Tigeraugen und fühlte mich von ihm angezogen und abgestoßen zugleich. Eigentlich war er eher hässlich mit seinen krummen Beinen und den dicken Lippen, aber andererseits war er ein Draufgänger und unwiderstehlich. Als wir uns zum Abschluss in einer gemütlichen Bauernkate aufwärmen konnten, glühten meine Wangen und ich sonnte mich in der Bewunderung Wolfgangs, der mich sein Schneewittchen genannt hatte.

Kurze Zeit später ging ich auf meine erste Fete. Es war das Abschiedsfest der Engländer, die auf unserer Schule im Austausch gewesen waren.

Jetzt kamen die Osterferien, in denen Rixa und ich erst mal nach Hamburg zu Tante Dolly fuhren. Sie lebte in einer großen schönen Altbauwohnung in der Grindelallee und achtete sehr auf Savoir-vivre. Wir bewunderten den alten Kachelofen, der bis zur Decke reichte, die geräumige Küche mit einem Fenster zum Hof, aus dem wir uns mutig herauslehnten und viele Stockwerke hinab in den dunklen Hof sahen. Tante Dolly stellte dort perfekte und aufwendige Mahlzeiten her, die an einem gepflegten runden Tisch im Esszimmer eingenommen wurden. Alles war schön gedeckt mit weißen Servietten in silbernen Ringen. Ihr Ehemann, Onkel Kurt, ein Immobilienmakler, fuhr uns in seinem schwarzen Mercedes spazieren. Wir schlenderten durch Planten und Blomen und durften uns im Alsterpavillon einen großen Eisbecher bestellen. Soviel Luxus und Großzügigkeit waren wir nicht gewohnt, aber wir genossen das Verwöhntwerden und versuchten uns zu revanchieren durch Bescheidenheit und Hilfe im Haushalt. Tante Dolly hatte Angst, dass wir uns bei ihr langweilen könnten, was aber nie der Fall war. So hatte sie immer ein volles Programm für uns auf Lager. Wir bummelten mit ihr über den Jungfernstieg oder besuchten unsere übrigen Verwandten in Hamburg, alles Geschwister von Opa. Nur Onkel Hugo war kein Bruder von Opa, sondern der uneheliche Sohn von Tante Dolly, der mit Tante Friedel verheiratet war. Beide Paare besaßen keine Kinder und hatten deshalb Zeit und Muße, sich verstärkt um ihr Ambiente und ihr gepflegtes Äußeres zu kümmern. Trotzdem verstanden sie sich nicht gut, was möglicherweise mit der problematischen Mutter-Sohn-Beziehung zu tun hatte, aber auch an dem Konflikt zwischen Schwiegertochter und Mutter lag. Rixa und ich erfuhren einiges aus den Gesprächen, denen wir interessiert lauschten und standen auf der Seite von Tante Dolly, die wir sehr gern hatten. Tante Friedel hingegen hatte mich verletzt, als ich ein kleines Kind war und sie besuchte. Rixa wollte sie nicht mitnehmen; ich war ja so niedlich. Sie wohnte in der feinen Heimhuder Straße, wo sie ein Kleid von einem Nachbarkind für mich auslieh, was mir ganz und gar nicht gefiel. Ich musste es aber samt einem albernen Handtäschchen anziehen, um ihren Mann vom Flughafen abzuholen, wo er arbeitete. Ich begriff, dass meine Kleidung nicht gut genug war und sie mit mir renommieren wollte. Als ich einmal Husten hatte, gab sie mir eklige Pillen, die ich nicht nehmen wollte. Doch sie bestand darauf, da sie nachts von meinem Husten gestört wurde. So blieb ich die halbe Nacht wach und stopfte die Tabletten in kleine Ritzen eines gusseisernen Ofens, der neben meinen zusammengestellten Sesseln stand, in denen ich schlief.

In Wolfgang war ich immer noch verliebt, die Sache mit Reinhold kühlte langsam ab. Da trat ein neuer Torsten in mein Leben, der sehr süß aussah. Er ging genauso wie Wolfgang auf unsere Schule und das führte zu Problemen. Thorsten erwartete eine ernsthafte Beziehung mit mir, und Wolfgang verlangte eine Entscheidung, ob ich eine feste Freundschaft einschließlich Treusein mit ihm eingehen wolle. Treusein gefiel mir aber nicht. Da waren zu viele andere gute Kandidaten. Auf dem Schulhof passierte ein kleines Malheur. Wolfgang saß neben mir auf der Bank und fragte mich gerade, ob ich mich entschieden hätte, da stürmte Torsten auf mich zu, fasste mich um die Taille, sagte Mäuschen zu mir, und dass er mich heute Nachmittag anrufen werde. Wolfgang stand auf und bot ihm seinen Platz an. Ich unterhielt mich weiter mit Torsten. Am Nachmittag besuchte mich überraschenderweise Wolfgang, war sehr lieb und leidenschaftlich und flüsterte mir ins Ohr, dass er mich liebe. Warum mussten sich gleich so viele in mich verlieben? Einer hätte doch genügt. Ich glaubte mich nicht richtig verlieben zu können und konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich dann glücklich sei. Niemanden beneidete ich, niemanden verehrte oder bewunderte ich. So beschloss ich, erst einmal abzuwarten und Tee zu trinken.

 

Rixa und ich würden im Sommer mit einer Jugendgruppe nach Frankreich fahren. Um die anderen kennen zu lernen, trafen wir uns am Wochenende mit ihnen in Ahlhorn. Mit dem Bus ging es ein Stückchen südöstlich von Bremen zu einem Landschulheim. Es lag inmitten von Wäldern an einem idyllischen See. Ich hatte mir sofort den einzigen Jungen ausersehen, der für mich in Frage kam. Er sah gut aus und hatte schicke Klamotten. Beim Essen saß er auch prompt neben mir. Am Abend gingen wir in sein Zimmer, zusammen mit Rixa und seinem Freund. Dort wurde erst geredet und geknutscht, bis wir so müde waren, dass wir uns auf das Bett legten. Reden und Knutschen gingen weiter bis es hell wurde, und die Vögel zu zwitschern begannen. Ich hatte Mühe, den tollen Manfred von meiner Wäsche fern zu halten. An meinen Busen durfte er auch nicht, denn der erschien mir immer noch zu klein. Ich wollte mich nicht blamieren. Morgens um fünf Uhr schlichen Rixa und ich in unsere Zimmer und haben noch ein Stündchen geschlafen. Das war unsere erste durchgemachte Nacht. Wir fühlten uns toll. Am nächsten Tag hielt Manfred ständig mein Händchen, wir ruderten auf dem See und küssten uns auf Bänken.

Ein paar Wochen Schulzeit musste ich noch hinter mich bringen, dann begann die aufregende Zeit in der Bretagne. Einige Tage vergingen mit Bangen, da ich in einer Russischarbeit einen heftgroßen Schummelzettel liegen ließ. Ich konnte ihn während des Testes nicht mehr herausnehmen, da der Lehrer ständig neben meinem Platz stand. Würde er ihn beim Korrigieren finden? Bekam ich dann eine sechs oder passierte noch schlimmeres? Um es kurz zu machen, er entdeckte ihn nicht, ich bekam eine drei und konnte mein Glück und seine Dummheit kaum fassen.

In Frankreich glaubte ich, die schönste Zeit meines bisherigen Lebens zu erleben. Ich schlief keinen Tag mehr als zwei Stunden in einer netten Gastfamilie. Das einzig Kulturelle, was ich dort erfuhr, war das fremde Essen. Zur Vorspeise zwei Mettwurstscheiben auf einem Teller, erschienen mir merkwürdig. Dann ein neuer Teller mit einer großen grünen Blume. Wie aß man Artischocken? Ich knabberte das winzige Herz aus der Mitte ab und hinterließ viel Müll. Wieder stellte die arme Hausfrau einen neuen Teller auf den Tisch mit einem Stück Fleisch darauf. Dazu gab es Weißbrot mit mehr Löchern als Mehl und viel Wasser. Der Nachtisch gefiel mir, aber noch besser gefiel mir Manfred. Wir verbrachten alle Tage und Nächte zusammen. An unserem Abschiedsabend, den wir alle gemeinsam auf dem Marktplatz des Städtchens feierten, verlobten wir uns. Frau Latour, unsere Begleiterin hatte alles nett arrangiert. Sie hatte Blumen und Ringe besorgt. Ausgelassen und etwas beschwipst vom ungewohnten Cidre, saßen wir auf den langen Holzbänken bis in den frühen Morgen. Auf dem Rückweg im Bus, stellten Manfred und ich einen Dauerrekord im Küssen auf.

 

Wieder zu Hause fuhren Rixa und ich gleich weiter nach Dänemark, wo die übrige Familie schon Urlaub machte. Als Rixa verkündete, ich hätte mich verlobt, wurden die Gesichter bedenklich, doch ich konnte Mama und Papa beruhigen, indem ich ihnen sagte, dass das Ganze nicht so ernst zu nehmen sei. So war es dann auch. Ich reihte Manfred, den tollen Handballer aus Bremen-Vegesack, in die Riege meines männlichen Harems ein. Zum Glück wohnte er weiter weg, so dass wir uns nicht ständig sehen konnten. Reinhold gab ich den Laufpass, denn zu meinen drei alten Verehrern kamen nun noch zwei neue hinzu. Helge war der Primus der Schule und absoluter Außenseiter. Er lief in einem blankgewetzten schwarzen Anzug herum, trug auf dem Hinterkopf ein kleines Käppchen, wie die Juden es tragen und in der Hand stets einen Regenschirm. Seine Finger waren immer schwarz von Druckerschwärze, da er unsere Schulzeitung, den „Dreiklang“, herstellte. Dabei sollte ich ihm nun helfen. Helge besuchte den Unterricht nur, wenn er meinte, dort etwas lernen zu können. Die Lehrer akzeptierten das merkwürdigerweise. Er übersprang Klassen und bekam ein Stipendium für Cambridge. Zuvor aber schrieb er mir Liebesgedichte, schenkte mir Schallplatten von Benjamin Britten und schrieb einen Hausaufsatz für mich, für den ich zum ersten Mal in meinem Leben eine fünf erhielt. Ich war davon überzeugt, dass die Zensur bedeutend besser ausgefallen wäre, hätte „Sandmännchen“ gewusst, wer den Aufsatz geschrieben hatte. In Helge war ich überhaupt nicht verliebt und deshalb froh, als er nach England ging, und ich mich seiner Annäherungsversuche nicht mehr erwehren musste. Auch von dort schrieb er mir noch lange selbstverfasste Liebesgedichte. Jahrzehnte später traf ich ihn einmal wieder. Er war Lastwagenfahrer geworden und hatte sich gerade seinen ersten Truck zugelegt.

Ich ließ mir von Peter, Wolfgang, Manfred, Torsten und Harald den Hof machen, ging mit ihnen aus, telefonierte, schrieb Briefe und