Nun kamen erst mal die großen Sommerferien, die wir wie jedes Jahr in Dänemark verbrachten und zwar mit der Großfamilie. Das waren die Eltern, Großeltern und die Geschwister von Opa, deren Kinder und Enkelkinder. Ungefähr zwanzig Personen trafen sich auf der Landzunge in der Nähe von Hvide Sande.
Manches Jahr hörte es gar nicht wieder auf zu regnen. War alles klamm und feucht, packten wir unsere sieben Sachen und machten uns auf den Heimweg. In Hollen wollte Papa Zwischenstation machen und das nasse Zelt trocknen. Opa hatte ein neues Wochenendhaus zwischen Bremen und Bremerhaven gekauft, das in dem winzigen Dorf Hollen lag. Dieses Haus war eine zerfallende Bauernkate mit Strohdach auf 4000 Quadratmeter Grundstück. Anstatt Fußböden lag heller Sand in manchen Räumen. Auf der Tenne befand sich ein stinkendes Plumsklo und überall gab es riesige Spinnen. Rixa und ich wollten unbedingt nach Hause. Wir sehnten uns nach einem Bad mit Badewanne, wir wollten endlich unsere Haare waschen und mit unseren Freunden telefonieren. Doch Papa nahm auf unsere Wünsche keine Rücksicht. Es wurde so gemacht, wie er das wollte. So begannen Rixa und ich zu mosern, meckern, jammern und jaulen, halfen nicht, das Auto zu entladen und hatten an allem etwas auszusetzen. Das ging so eine Zeitlang weiter, bis Papa der Kragen platzte und uns jedem eine ordentliche Ohrfeige gab. Wir waren völlig verdutzt, erschrocken, verstummten sofort, krochen ohne ein weiteres Wort in die ungeliebten eisernen Stockbetten, und weinten uns in den Schlaf. Wir schworen uns, nie mehr mit ihm zu sprechen, hielten das auch den ganzen nächsten Tag durch und konnten uns gar nicht beruhigen über soviel Ungerechtigkeit und die erste und einzige Ohrfeige von unserem Vater.
Als es das Haus in Hollen noch nicht gab, machten wir auf der Rückfahrt oft Station bei Onkel Max, am Nord-Ostseekanal in der Nähe von Rendsburg. Er hatte Bienenstöcke und gab uns gelegentlich selbstgeschleuderten Honig mit. Ich liebte die roten Johannisbeeren in seinem Garten, aber noch mehr begeisterte uns seine Würstchenbude auf der anderen Seite des Kanals. Onkel Max bugsierte die Autofähre über den Nord-Ostseekanal. Den ganzen Tag fuhr er vom rechten zum linken Ufer, von seinem Wohnhaus zu seinem Stand. Dort beköstigte seine Frau Miede die Gäste mit Frikadellen, Würstchen, Eis, Bonbons und Schokolade. Am Kanal standen einige Gartenstühle und Tische mit Sonnenschirmen. Für Rixa und mich war es das Paradies: Wir fuhren auf der Fähre hin und her, kletterten überall herum beim Inspizieren des Schiffes und durften sogar auf die Kommandobrücke. Hatten wir dazu keine Lust mehr, setzten wir uns auf die Gartenstühle, schauten auf das Wasser und beobachteten die großen und kleinen Schiffe, die von der Nordsee zur Ostsee schipperten oder umgekehrt. Dabei spendierte uns Tante Miede Limonade, Eis und Würstchen. Reisten wir weiter, steckte sie uns immer eine Tafel Schokolade zu.
Unsere Reisen nach Dänemark konnten wir noch einige Jahre fortsetzen, aber dann, Anfang der siebziger Jahre, war die Idylle endgütig vorbei. Unser Bauer hatte die Landwirtschaft aufgegeben, hatte eine Nerzzucht begonnen, was wir bei einer Besichtigung tierquälerisch fanden. Dann stieg er voll in den Tourismus ein, baute an der Straße einen Campingplatz und in den Dünen ein Ferienhaus nach dem anderen. Wir waren verwöhnt und kannten ein anderes Dänemark ohne Touristen, mit weiten menschenleeren Stränden und unverbauter Natur. So fuhren nicht mehr hin und suchten uns andere Reiseziele.
Die Ferien waren zu Ende, und es begann von neuem die Qual der Schule. Eine Qual war es nur in Bezug auf das Lernen und die Lehrer. Eine Freude und für unsere Entwicklung unersetzlich war die Schule als Kommunikationszentrum für Gleichaltrige. Über das Lernen schrieb ich als Fünfzehnjährige in mein Tagebuch:
Wir hatten nicht jeden Tag sieben Stunden Unterricht, manchmal waren es auch nur fünf. Dann fuhren wir mit dem Rad in ein nahe gelegenes Café, trafen uns dort mit anderen Schülern und tranken Coca Cola. Zur Freimarktszeit konnten wir zu Fuß zu den Autoskootern gehen, die extra für uns Schüler schon mittags geöffnet wurden. Dort traf man sich und, was noch wichtiger war, man wurde gesehen, wenn man lässig auf der Umrandung an eine Säule gelehnt stand und auf die Pärchen in den Autos schaute. Bettina und ich trugen bei solchen Gelegenheiten unsere neu erworbenen BHs und darüber schwarz-weißgestreifte Pullover und schwarze Hosen. Wir fanden es witzig, uns gleich anzuziehen, was durch unseren erheblichen Größenunterschied komisch aussah. Die größte Mutprobe bestand darin, durch den hinteren Gang der Autoskooteranlage zu gehen. Dort lümmelten die Jungen mit dem schlechtesten Ruf herum. Wagten wir es, an ihnen vorbei zu gehen, hörten wir anzügliche Bemerkungen, bekamen einen Klaps auf den Hintern oder eine Hand griff an unsere Brust. Darüber waren wir nur scheinbar empört, von Sexismus und Frauenrecht hatten wir noch nichts gehört. Im Gegenteil, wurde man nicht übel angemacht, war das eine Schande, weil man anscheinend nicht attraktiv für das andere Geschlecht war.
Demnächst sollte wieder mal ein Wandertag der Schule stattfinden. Meistens marschierten wir durch die Gegend und kehrten zum Abschluss in ein Lokal ein. Diesmal jedoch war das Blockland, eine ausgedehnte Wiesenlandschaft im Nordosten Bremens, überschwemmt und zugefroren. Wir wollten also Schlittschuh laufen. Dazu nähte ich mir extra eine buntkarierte Hose mit Aufschlag. Rixa und ich hatten weiße Schlittschuhstiefel geschenkt bekommen und damit auf dem Silbersee laufen geübt. Über die weiten Flächen des Blocklandes zu sausen war aber ein besonderes Vergnügen. Ich konnte inzwischen richtig gut Schlittschuhlaufen und fühlte mich unwiderstehlich in meiner neuen Hose. Ein Junge aus meiner Parallelklasse namens Wolfgang fand das wohl auch, fuhr immer hinter mir her, fing mich auf, wenn ich drohte zu stürzen und wärmte meine verfrorenen Hände in den seinen. Diese waren dick und kräftig. Ich schaute in seine gelben Tigeraugen und fühlte mich von ihm angezogen und abgestoßen zugleich. Eigentlich war er eher hässlich mit seinen krummen Beinen und den dicken Lippen, aber andererseits war er ein Draufgänger und unwiderstehlich. Als wir uns zum Abschluss in einer gemütlichen Bauernkate aufwärmen konnten, glühten meine Wangen und ich sonnte mich in der Bewunderung Wolfgangs, der mich sein Schneewittchen genannt hatte.
Kurze Zeit später ging ich auf meine erste Fete. Es war das Abschiedsfest der Engländer, die auf unserer Schule im Austausch gewesen waren.
Jetzt kamen die Osterferien, in denen Rixa und ich erst mal nach Hamburg zu Tante Dolly fuhren. Sie lebte in einer großen schönen Altbauwohnung in der Grindelallee und achtete sehr auf Savoir-vivre. Wir bewunderten den alten Kachelofen, der bis zur Decke reichte, die geräumige Küche mit einem Fenster zum Hof, aus dem wir uns mutig herauslehnten und viele Stockwerke hinab in den dunklen Hof sahen. Tante Dolly stellte dort perfekte und aufwendige Mahlzeiten her, die an einem gepflegten runden Tisch im Esszimmer eingenommen wurden. Alles war schön gedeckt mit weißen Servietten in silbernen Ringen. Ihr Ehemann, Onkel Kurt, ein Immobilienmakler, fuhr uns in seinem schwarzen Mercedes spazieren. Wir schlenderten durch Planten und Blomen und durften uns im Alsterpavillon einen großen Eisbecher bestellen. Soviel Luxus und Großzügigkeit waren wir nicht gewohnt, aber wir genossen das Verwöhntwerden und versuchten uns zu revanchieren durch Bescheidenheit und Hilfe im Haushalt. Tante Dolly hatte Angst, dass wir uns bei ihr langweilen könnten, was aber nie der Fall war. So hatte sie immer ein volles Programm für uns auf Lager. Wir bummelten mit ihr über den Jungfernstieg oder besuchten unsere übrigen Verwandten in Hamburg, alles Geschwister von Opa. Nur Onkel Hugo war kein Bruder von Opa, sondern der uneheliche Sohn von Tante Dolly, der mit Tante Friedel verheiratet war. Beide Paare besaßen keine Kinder und hatten deshalb Zeit und Muße, sich verstärkt um ihr Ambiente und ihr gepflegtes Äußeres zu kümmern. Trotzdem verstanden sie sich nicht gut, was möglicherweise mit der problematischen Mutter-Sohn-Beziehung zu tun hatte, aber auch an dem Konflikt zwischen Schwiegertochter und Mutter lag. Rixa und ich erfuhren einiges aus den Gesprächen, denen wir interessiert lauschten und standen auf der Seite von Tante Dolly, die wir sehr gern hatten. Tante Friedel hingegen hatte mich verletzt, als ich ein kleines Kind war und sie besuchte. Rixa wollte sie nicht mitnehmen; ich war ja so niedlich. Sie wohnte in der feinen Heimhuder Straße, wo sie ein Kleid von einem Nachbarkind für mich auslieh, was mir ganz und gar nicht gefiel. Ich musste es aber samt einem albernen Handtäschchen anziehen, um ihren Mann vom Flughafen abzuholen, wo er arbeitete. Ich begriff, dass meine Kleidung nicht gut genug war und sie mit mir renommieren wollte. Als ich einmal Husten hatte, gab sie mir eklige Pillen, die ich nicht nehmen wollte. Doch sie bestand darauf, da sie nachts von meinem Husten gestört wurde. So blieb ich die halbe Nacht wach und stopfte die Tabletten in kleine Ritzen eines gusseisernen Ofens, der neben meinen zusammengestellten Sesseln stand, in denen ich schlief.
In Wolfgang war ich immer noch verliebt, die Sache mit Reinhold kühlte langsam ab. Da trat ein neuer Torsten in mein Leben, der sehr süß aussah. Er ging genauso wie Wolfgang auf unsere Schule und das führte zu Problemen. Thorsten erwartete eine ernsthafte Beziehung mit mir, und Wolfgang verlangte eine Entscheidung, ob ich eine feste Freundschaft einschließlich Treusein mit ihm eingehen wolle. Treusein gefiel mir aber nicht. Da waren zu viele andere gute Kandidaten. Auf dem Schulhof passierte ein kleines Malheur. Wolfgang saß neben mir auf der Bank und fragte mich gerade, ob ich mich entschieden hätte, da stürmte Torsten auf mich zu, fasste mich um die Taille, sagte Mäuschen zu mir, und dass er mich heute Nachmittag anrufen werde. Wolfgang stand auf und bot ihm seinen Platz an. Ich unterhielt mich weiter mit Torsten. Am Nachmittag besuchte mich überraschenderweise Wolfgang, war sehr lieb und leidenschaftlich und flüsterte mir ins Ohr, dass er mich liebe. Warum mussten sich gleich so viele in mich verlieben? Einer hätte doch genügt. Ich glaubte mich nicht richtig verlieben zu können und konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich dann glücklich sei. Niemanden beneidete ich, niemanden verehrte oder bewunderte ich. So beschloss ich, erst einmal abzuwarten und Tee zu trinken.
Rixa und ich würden im Sommer mit einer Jugendgruppe nach Frankreich fahren. Um die anderen kennen zu lernen, trafen wir uns am Wochenende mit ihnen in Ahlhorn. Mit dem Bus ging es ein Stückchen südöstlich von Bremen zu einem Landschulheim. Es lag inmitten von Wäldern an einem idyllischen See. Ich hatte mir sofort den einzigen Jungen ausersehen, der für mich in Frage kam. Er sah gut aus und hatte schicke Klamotten. Beim Essen saß er auch prompt neben mir. Am Abend gingen wir in sein Zimmer, zusammen mit Rixa und seinem Freund. Dort wurde erst geredet und geknutscht, bis wir so müde waren, dass wir uns auf das Bett legten. Reden und Knutschen gingen weiter bis es hell wurde, und die Vögel zu zwitschern begannen. Ich hatte Mühe, den tollen Manfred von meiner Wäsche fern zu halten. An meinen Busen durfte er auch nicht, denn der erschien mir immer noch zu klein. Ich wollte mich nicht blamieren. Morgens um fünf Uhr schlichen Rixa und ich in unsere Zimmer und haben noch ein Stündchen geschlafen. Das war unsere erste durchgemachte Nacht. Wir fühlten uns toll. Am nächsten Tag hielt Manfred ständig mein Händchen, wir ruderten auf dem See und küssten uns auf Bänken.
Ein paar Wochen Schulzeit musste ich noch hinter mich bringen, dann begann die aufregende Zeit in der Bretagne. Einige Tage vergingen mit Bangen, da ich in einer Russischarbeit einen heftgroßen Schummelzettel liegen ließ. Ich konnte ihn während des Testes nicht mehr herausnehmen, da der Lehrer ständig neben meinem Platz stand. Würde er ihn beim Korrigieren finden? Bekam ich dann eine sechs oder passierte noch schlimmeres? Um es kurz zu machen, er entdeckte ihn nicht, ich bekam eine drei und konnte mein Glück und seine Dummheit kaum fassen.
In Frankreich glaubte ich, die schönste Zeit meines bisherigen Lebens zu erleben. Ich schlief keinen Tag mehr als zwei Stunden in einer netten Gastfamilie. Das einzig Kulturelle, was ich dort erfuhr, war das fremde Essen. Zur Vorspeise zwei Mettwurstscheiben auf einem Teller, erschienen mir merkwürdig. Dann ein neuer Teller mit einer großen grünen Blume. Wie aß man Artischocken? Ich knabberte das winzige Herz aus der Mitte ab und hinterließ viel Müll. Wieder stellte die arme Hausfrau einen neuen Teller auf den Tisch mit einem Stück Fleisch darauf. Dazu gab es Weißbrot mit mehr Löchern als Mehl und viel Wasser. Der Nachtisch gefiel mir, aber noch besser gefiel mir Manfred. Wir verbrachten alle Tage und Nächte zusammen. An unserem Abschiedsabend, den wir alle gemeinsam auf dem Marktplatz des Städtchens feierten, verlobten wir uns. Frau Latour, unsere Begleiterin hatte alles nett arrangiert. Sie hatte Blumen und Ringe besorgt. Ausgelassen und etwas beschwipst vom ungewohnten Cidre, saßen wir auf den langen Holzbänken bis in den frühen Morgen. Auf dem Rückweg im Bus, stellten Manfred und ich einen Dauerrekord im Küssen auf.
Wieder zu Hause fuhren Rixa und ich gleich weiter nach Dänemark, wo die übrige Familie schon Urlaub machte. Als Rixa verkündete, ich hätte mich verlobt, wurden die Gesichter bedenklich, doch ich konnte Mama und Papa beruhigen, indem ich ihnen sagte, dass das Ganze nicht so ernst zu nehmen sei. So war es dann auch. Ich reihte Manfred, den tollen Handballer aus Bremen-Vegesack, in die Riege meines männlichen Harems ein. Zum Glück wohnte er weiter weg, so dass wir uns nicht ständig sehen konnten. Reinhold gab ich den Laufpass, denn zu meinen drei alten Verehrern kamen nun noch zwei neue hinzu. Helge war der Primus der Schule und absoluter Außenseiter. Er lief in einem blankgewetzten schwarzen Anzug herum, trug auf dem Hinterkopf ein kleines Käppchen, wie die Juden es tragen und in der Hand stets einen Regenschirm. Seine Finger waren immer schwarz von Druckerschwärze, da er unsere Schulzeitung, den "Dreiklang", herstellte. Dabei sollte ich ihm nun helfen. Helge besuchte den Unterricht nur, wenn er meinte, dort etwas lernen zu können. Die Lehrer akzeptierten das merkwürdigerweise. Er übersprang Klassen und bekam ein Stipendium für Cambridge. Zuvor aber schrieb er mir Liebesgedichte, schenkte mir Schallplatten von Benjamin Britten und schrieb einen Hausaufsatz für mich, für den ich zum ersten Mal in meinem Leben eine fünf erhielt. Ich war davon überzeugt, dass die Zensur bedeutend besser ausgefallen wäre, hätte "Sandmännchen" gewusst, wer den Aufsatz geschrieben hatte. In Helge war ich überhaupt nicht verliebt und deshalb froh, als er nach England ging, und ich mich seiner Annäherungsversuche nicht mehr erwehren musste. Auch von dort schrieb er mir noch lange selbstverfasste Liebesgedichte. Jahrzehnte später traf ich ihn einmal wieder. Er war Lastwagenfahrer geworden und hatte sich gerade seinen ersten Truck zugelegt.
Ich ließ mir von Peter, Wolfgang, Manfred, Torsten und Harald den Hof machen, ging mit ihnen aus, telefonierte, schrieb Briefe und